Fragile Masken des Alltags

Judith, haben Alltagsmasken – Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercings – auch diesen Zauber oder geht der im Alltag verloren?

Generell neigen wir dazu, rituelle Masken oder Karnevalsverkleidung und Alltagsmasken getrennt voneinander zu betrachten. Masken im herkömmlichen Sinne haben die Eigenschaft, unsere Mimik und die Indexfunktion des Gesichts mit zu verdecken und zeigen sich in einem manifesten Ausdruck.
Alltagsmasken hingegen beeinflussen unser Aussehen nur, überlagern es nicht vollständig. Beiden Masken ist jedoch gemein, dass sie zeitlich stark eingeschränkt sind. Karnevalsmasken nehmen wir ab, Schminke verläuft, Bartfrisuren wachsen heraus und Botox verliert seine Wirkung. Die Vergänglichkeit jeder Maskierung macht einen Teil ihres Zaubers aus. Selbst wenn wir versuchen, unsere Erscheinung dauerhaft zu kontrollieren, so gestaltet die Zeit das Gesicht immer mit und fügt unserem Erscheinungsbild es etwas Zufälliges hinzu.

Eine Maskierung ist also an den Jetzt–Zustand des Gesichts gebunden und funktioniert ausschließlich im Augenblick des Angesichts wirklich gut.

Wenn wir einer Person ins Gesicht blicken, ist das Bild, was wir von ihr bekommen, einzigartig und nur für uns sichtbar. Die Maske wirkt nur in diesem gemeinsamen Moment.

Alltagsmasken haben nicht weniger Zauber, sie sind im Gegenteil sogar fragiler und kommunizieren subtiler mit den Mitmenschen. Zwischen einzelnen subtilen Hinweisen, wie eine Person gesehen werden möchte, sind lauter Leerstellen, die darauf hindeuten, wie viele Seiten einer Person wir in dem Augenblick des Angesichts nicht sehen können.


Barbara, wenn wir so viel aus dem direkten Kontakt schöpfen, können Gesichtserkennungstechnologien uns diesen Zauber der direkten Begegnung nehmen?


Der Zauber der Maske

Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?

Nehmen wir mal den Kölner Karneval. Ein alter Brauch ermöglicht, in andere Rollen zu schlüpfen. Die Prinzessin, der Clown, der Teufel, Marie-Antoinette, der Mann als Frau, die Frau als Gewichtsheberin. Es ist oft auch ein befreiender Akt. Es erlaubt, etwas zeitlich begrenzt auszuprobieren. Hier kann ich auch eine andere Wahrnehmung des Gegenübers erleben. Dieser geteilte Raum hat einen besonderen Reiz, wie in einer Zauberei, lassen sich bestehenden Normen lösen. Hier liegt die Chance einer neuen Erfahrung, deren Aspekte eventuell nach dem Aschermittwoch mit ins normale Leben genommen werden können. Der CSD hat sicherlich ähnliche Wirkung.

Aktiv „das Selbst gestalten“ ist Ausdruck von Lebenslust. Gleichzeitig schützt die Gruppe diese Experimente, sanktioniert sie sogar positiv. Hier wird also ein Raum geschaffen, in dem freie Entfaltung mit allen Schrägheiten möglich ist. Der Raum ist konkret und gleichzeitig imaginär, fast mystisch.

Das mystische Verbergen oder Schützen des privaten Umfeldes, der Gruppe, der Familie, spielte schon vor den Erkennungstechnologien eine Rolle. Es waren steinerne fratzenartige Gesichter als Schlusssteine ausgeführter Schmuck an Häusern, die das Innere schützen sollten, sogenannte Maskarone.

Zwar können die Maskarone als Symbolgestalten nichts gegen die realen Gefahren der Welt ausrichten, jedoch vermögen sie den Ängsten der Bewohner einen Ausdruck geben. Der Glaube an magische Schutzgestalten ist ein Weg, den Gefahren einer ungewissen Zukunft zu begegnen. Man kann solche Ängste zu verdrängen versuchen, oder ihnen, beispielsweise durch die Darstellung solcher Maskarone einen Ausdruck geben. Die Ängste werden dabei zwar bildhaft angesprochen, aber durch die Materialisierung der Maskarone bekommen sie auch eine Dimensionierung und können nicht übermächtig werden. Ja, ich sehe darin auch eine Mystik, einen gewissen Zauber.


Judith, es gibt noch anderen Formen von „Maskierungen“ beim Menschen. Haben Alltagsmasken z.B. Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercing, auch diesen Zauber, soll er verstärkt werden oder geht der im Alltag verloren?


Hinter der Maske nur Zufall

Judith, was vermittelt uns eine Maskierung?

Masken haftet oft ein fahler Geschmack von Verstellung oder Täuschung an. Meist betrachten wir Masken als einen Versuch, das „echte“ Gesicht hinter der Maske verbergen, um uns zu verstellen oder dem Gegenüber wichtige Informationen von uns zu verheimlichen. Betrachten wir Masken jedoch als eine Form der Symbolebene, dann können wir die Maske in einem völlig neuen Licht betrachten. Nach welchen Stereotypen wir betrachtet werden, hängt von den zufälligen Eigenschaften ab, die mein Gesicht ausmachen.

So ist es Resultat eines Zufalls, ob ich ein rundes oder ein kantiges Kinn habe. Mit den Stereotypen, die auf die Form meines Kinns projiziert werden, muss ich notgedrungen leben, auch wenn sie mit meiner Persönlichkeit und der Art, wie ich erscheinen möchte, oft überhaupt nichts zu tun haben. Wenn ich nun die zufälligen Eigenschaften meines Gesichts mit einer Maske überlagere, dann kann ich gezielt beeinflussen, mit welchen Vorstellungen meine Erscheinung verbunden werden soll. Eine Maskierung wirkt dann wie ein Schutz vor der Beurteilung meiner Persönlichkeit aufgrund meines Erscheinungsbilds.

Wenn ich das Aussehen meines Gesichts künstlich beeinflusse, macht das mein Gesicht nicht weniger „echt“, sondern vor allem weniger zufällig. Masken sind also mitnichten eine Verstellung des echten Gesichts, sondern eine Möglichkeit, die Gestaltung der Symbolebene nicht vollständig dem Gegenüber zu überlassen, sondern aktiv daran mitzuwirken.

Mit einer Maske biete ich nur gezielt die Eigenschaften an, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie der Art, wie ich erscheinen möchte, entsprechen. Masken könnten so das „echte“ Gesicht von mir vielleicht mehr zum Ausdruck bringen, als es mein ungeschminktes Gesicht für mich tut.


Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?