Joker im Umlauf

Barbara, was drücken Stereotype Deiner Meinung nach aus? Wie können Stereotype auch entstehen?

Die Botschaften die über Stereotypen, über die Symbolebene vermittelt werden, sind nicht unbedingt eindeutig. Menschen benutzen durch Bemalung eine Bildsprache, die vermeintlich von jedem verstanden wird. Ein Beispiel ist die „Joker“-Bemalung mit den typischen Farben. Wir finden sie bei einer kopftuchtragenden Demonstrantin aus dem Libanon. Diese Bildsprache fand sich dann sehr schnell in anderen Medien wieder. Ebenfalls im November 2019 prangte auf dem Titelbild des Monatsmagazin „Stern Viewer“ der britische Brexit-Verfechter Boris Johnson als Joker auf unter dem Titel: “Der Zocker. Warum der Brexit-Premier glücklich ist, wenn er Chaos stiften kann…“.

Interessant dabei ist, dass die Maskierung des Jokers im Film eine Umdeutung erfährt. Der Protagonist begeht seine ersten Morde zwar verkleidet, dies jedoch nur, weil er als Clown arbeitet. Die Maskierung ist also Teil seiner Arbeitsgarderobe und wird von der Öffentlichkeit (u.a. durch die Medien) uminterpretiert. Seine Morde, die Selbstjustiz und Verteidigung sind, werden als politischer Ausdruck gegen die Eliten und die ungleichen Wohlstandsverhältnisse verstanden. Da die Bevölkerung unzufrieden ist und sich ähnlich zurückgesetzt fühlt, nimmt sie diese symbolische Interpretation auf und nutzt sie für ihre Proteste.

Bezeichnend ist, dass dieser symbolische Übertrag auch in der Realität stattfindet. Und dass, obwohl aus dem Film herausgeht, der Joker selbst keine politische Agenda hat. Der symbolische Wert ist also stärker, als die „wahren“ Motive des Protagonisten und findet dementsprechend einen Übertrag in die Realität.

Medien haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Verbreitung und Interpretation von Symbolebenen. Die Bemalung, die Maskierung kann unterschiedlich interpretiert werden.


Judith, Maskierungen, Masken spielen ja sehr mit den Symbolebenen. Was vermittelt uns eine Maskierung?


Der Künstlerische Dialog als Form der Forschung

Judith, Du bringst den Aspekt der Designforschung ins Gespräch. Kann man sagen, dass der Künstlerische Dialog von uns eine Form von Designforschung ist?

Designwissenschaft findet im Dialog zwischen Theorie und Praxis statt.

Denken und Gestalten sind zwei Tätigkeiten, die einander ergänzen. Die Gestaltung greift auf bestehende Konzepte und Modelle zurück, um einen aktiv zu verändern – die dadurch entstandene Veränderung sorgt ihrerseits dafür, dass Gedanken eine Resonanz erfahren. Ein veränderter Kontext macht neue Modelle notwendig. Design und Philosophie sind zwei Weisen, mit der Realität zu interagieren, die jeweils durch Verdichtungen angewiesen sind. Philosophie verdichtet Beobachtungen zu Modellen. Design nutzt Ästhetik, um komplexe Gedankenstrukturen zu einem (materiellen) Ausdruck zu verdichten.

Sich als Designerin mit Gesichtern zu beschäftigen, birgt zahlreiche Herausforderungen. Im Design nutzen wir oft Schemata und Stereotypen, um die Verständlichkeit von Objekten gewährleisten zu können. Diese Schemata sorgen dafür, dass Produkte intuitiv genutzt werden können und wir beispielsweise ohne längere Auseinandersetzung mit einem Produkt wissen, dass es sich zum Beispiel hierbei um eine Türklinke handelt.

Gesichtern mit dieser Haltung zu begegnen, würde ihre Individualität untergraben und Stereotype manifestieren, von denen wir uns eigentlich lieber lösen würden.
Die gestalterische und theoretische Auseinandersetzung mit Gesichtern und ihrem Wert in Zeiten der technologischen Gesichtserkennung kann man als eine Suche nach einem Umgang damit ansehen. Bezeichnend dabei ist, dass ich zwar aktiv darauf achten kann, in der Gestaltung Stereotype nicht zu sehr zu berücksichtigen. Gleichzeitig aber gelingt es mir nicht, mein eigenes Gesicht aus den Werken herauszuhalten. Wenn ich etwas gestalte, gehe ich zu Beginn immer von mir selbst aus.

Das sieht man beispielsweise an diesen Tongesichtern. Selbst wenn ich versuche, Gesichter zu machen, die ein anderes Alter, ein anderes Geschlecht oder andere Züge haben, als ich – irgendwie könnten sie trotzdem Verwandte von mir sein.


Barbara, wie siehst Du Deinen Ansatz, wieviel steckt von Dir und Deiner Sicht auf die Dinge in deinem Werk, in Deinem Arbeitsmaterial? 


Außerdem laden wir euch ein!

10.5.2020, 19:00 Uhr:

Kunstausstellung „FACE_OFF“ – Maske, Schutz oder Vermummung?

Zwei Künstlerinnen im Dialog: Judith Block und Barbara Otto haben sich ein Jahr lang mit dem Vermummungsverbot beschäftigt. Jetzt gibt es eine MaskenPFLICHT. Was tun? Ein offenes Brainstorming wie man die eigene Aversion gegen Schutzmasken humorvoll zum Ausdruck bringen kann.

Den Link zum Live-Stream findet ihr hier.

Um aktiv an der Diskussion teilzunehmen, schicke uns eine eine email an: Judith.block@gmx.de