Mehr als Modelle

Judith, denkst du, es ist nur noch eine Frage der (Entwicklungs-) Zeit, bis es möglich ist, uns mit Technologien vollständig zu durchschauen?

Technologien basieren immer auf Modellen, die wir uns von der Wirklichkeit machen. Und sie funktionieren ausschließlich dann, wenn der Kontext, in dem sie arbeiten, den Modellen hinreichend entspricht.

Um der Angst vor abstrakten Bedrohungen einen Ausdruck zu geben, braucht es eine Maske. Das eigene Gesicht lässt sich nicht genügend aufladen.

Sehr deutlich sieht man diesen Zusammenhang bei Robotern, die darauf programmiert sind, zu laufen und bei leichtesten Unebenheiten spektakulär ungebremst fallen.
Der Zusammenhang zwischen Modellen der Realität und der tatsächlichen Arbeitsumgebung von Maschinen gilt auch für Gesichtserkennungstechnologien. Sie funktionieren nur dann, wenn unsere Gesichter genügend den Modellen entsprechen, auf denen die Technologie basiert.

Werden einzelne Aspekte des Gesichts bei der Entwicklung der Technologie nicht berücksichtigt, fallen notgedrungen einige Individuen durch das Schema. Das passiert sowohl bei der Indexfunktion, wenn etwa Algorithmen nicht auf verschiedene Hautfarben trainiert werden und dann Personen mit dunkler Hautfarbe nicht als Menschen erkennen. Das Gleiche passiert auch bei der Mimik-Interpretation, wenn nur die Modelle der universellen Ausdrücke verarbeitet werden, kulturelle Ausdrücke jedoch nicht.

Problematisch werden Technologien jedoch auch dann, wenn die Modelle, auf denen eine Technologie basiert, grundsätzlich nicht korrekt sind. Die Forscher Xiaolin Wu und Xi Zhang von der Shanghai Jiao Tong University entwickelten 2016 eine Künstliche Intelligenz, der es vermeintlich gelingt, anhand von äußeren Merkmalen des Gesichts darauf zu schließen, ob eine Person kriminell ist oder nicht. Ein Blick in die dazugehörige Publikation zeigt jedoch offensichtliche wissenschaftliche und logische Fehler auf. Doch ob wissenschaftlich unzulänglich oder nicht – die KI liefert Ergebnisse. Werden solche Entwicklungen in einen gesellschaftlichen Kontext gebracht, dann urteilt ein falsches Modell über die Biografie von Menschen.

In solchen Fällen besteht die Problematik darin, dass die Modelle immer eine Reduktion der Realität vornehmen.


Die Frage ist nicht, ob wir durchschaut werden, sondern was passiert, wenn wir uns selbst Modellen unterwerfen und wir uns zwangläufig reduzieren?


Der Zauber der Begegnung

Barbara, wenn wir so viel aus dem direkten Kontakt schöpfen, können Gesichtserkennungstechnologien uns diesen Zauber der direkten Begegnung nehmen?

Ich setze auf die Widerstandskraft der Menschen, ihre Suche nach Nähe, die Anziehungskraft des Anderen. Die Individualität und die Vielfalt, das Besondere und die Abweichung von der Norm sorgt evolutionär für den Fortbestand unserer Spezies.

Wenn die Bemalung, die Maskierung, die Schönheit und das Besondere hervorheben kann, unterstreicht sie den Zauber der Begegnung. Sie kann sich auch dem Zeitgeist, dem Altern, sogar dem Tod anpassen. Will der Roboter nicht eigentlich zum Menschen werden, weil ihm etwas fehlt?

Wie wir uns nun veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen werden, scheint mir ungewiss. Die Angst vor der nicht durchschaubaren Technik ist ein schlechter Ratgeber. Transparenz ist angesagt. Die Gesichtserkennungstechnologie ist, banal gesagt, nicht mehr als die Erhebung von Daten. Wir werden also immer gläserner. Wir sind aber nicht immer gleich, deshalb ist die Einschätzung schon begrenzt. Zum Beispiel wurde in San Franzisco diese Technik abgelehnt, der Nutzen wurde als fragwürdig angesehen. Letztendlich kommt es darauf an, aufmerksam und wehrhaft zu sein.

Wir brauchen so etwas wie eine digitale Kulturtechnik, ähnlich dem Schreiben und Lesen, um ein Verständnis für die verschiedenen Technologien zu entwickeln. Vielleicht kommen wir dann zu differenzierten Ansätzen, wie wir mit diesen Technologien leben, jetzt und in Zukunft leben wollen.


Judith, denkst du, es ist nur noch eine Frage der (Entwicklungs-) Zeit, bis es möglich ist, uns mit Technologien vollständig zu durchschauen?


Fragile Masken des Alltags

Judith, haben Alltagsmasken – Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercings – auch diesen Zauber oder geht der im Alltag verloren?

Generell neigen wir dazu, rituelle Masken oder Karnevalsverkleidung und Alltagsmasken getrennt voneinander zu betrachten. Masken im herkömmlichen Sinne haben die Eigenschaft, unsere Mimik und die Indexfunktion des Gesichts mit zu verdecken und zeigen sich in einem manifesten Ausdruck.
Alltagsmasken hingegen beeinflussen unser Aussehen nur, überlagern es nicht vollständig. Beiden Masken ist jedoch gemein, dass sie zeitlich stark eingeschränkt sind. Karnevalsmasken nehmen wir ab, Schminke verläuft, Bartfrisuren wachsen heraus und Botox verliert seine Wirkung. Die Vergänglichkeit jeder Maskierung macht einen Teil ihres Zaubers aus. Selbst wenn wir versuchen, unsere Erscheinung dauerhaft zu kontrollieren, so gestaltet die Zeit das Gesicht immer mit und fügt unserem Erscheinungsbild es etwas Zufälliges hinzu.

Eine Maskierung ist also an den Jetzt–Zustand des Gesichts gebunden und funktioniert ausschließlich im Augenblick des Angesichts wirklich gut.

Wenn wir einer Person ins Gesicht blicken, ist das Bild, was wir von ihr bekommen, einzigartig und nur für uns sichtbar. Die Maske wirkt nur in diesem gemeinsamen Moment.

Alltagsmasken haben nicht weniger Zauber, sie sind im Gegenteil sogar fragiler und kommunizieren subtiler mit den Mitmenschen. Zwischen einzelnen subtilen Hinweisen, wie eine Person gesehen werden möchte, sind lauter Leerstellen, die darauf hindeuten, wie viele Seiten einer Person wir in dem Augenblick des Angesichts nicht sehen können.


Barbara, wenn wir so viel aus dem direkten Kontakt schöpfen, können Gesichtserkennungstechnologien uns diesen Zauber der direkten Begegnung nehmen?


Hinter der Maske nur Zufall

Judith, was vermittelt uns eine Maskierung?

Masken haftet oft ein fahler Geschmack von Verstellung oder Täuschung an. Meist betrachten wir Masken als einen Versuch, das „echte“ Gesicht hinter der Maske verbergen, um uns zu verstellen oder dem Gegenüber wichtige Informationen von uns zu verheimlichen. Betrachten wir Masken jedoch als eine Form der Symbolebene, dann können wir die Maske in einem völlig neuen Licht betrachten. Nach welchen Stereotypen wir betrachtet werden, hängt von den zufälligen Eigenschaften ab, die mein Gesicht ausmachen.

So ist es Resultat eines Zufalls, ob ich ein rundes oder ein kantiges Kinn habe. Mit den Stereotypen, die auf die Form meines Kinns projiziert werden, muss ich notgedrungen leben, auch wenn sie mit meiner Persönlichkeit und der Art, wie ich erscheinen möchte, oft überhaupt nichts zu tun haben. Wenn ich nun die zufälligen Eigenschaften meines Gesichts mit einer Maske überlagere, dann kann ich gezielt beeinflussen, mit welchen Vorstellungen meine Erscheinung verbunden werden soll. Eine Maskierung wirkt dann wie ein Schutz vor der Beurteilung meiner Persönlichkeit aufgrund meines Erscheinungsbilds.

Wenn ich das Aussehen meines Gesichts künstlich beeinflusse, macht das mein Gesicht nicht weniger „echt“, sondern vor allem weniger zufällig. Masken sind also mitnichten eine Verstellung des echten Gesichts, sondern eine Möglichkeit, die Gestaltung der Symbolebene nicht vollständig dem Gegenüber zu überlassen, sondern aktiv daran mitzuwirken.

Mit einer Maske biete ich nur gezielt die Eigenschaften an, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie der Art, wie ich erscheinen möchte, entsprechen. Masken könnten so das „echte“ Gesicht von mir vielleicht mehr zum Ausdruck bringen, als es mein ungeschminktes Gesicht für mich tut.


Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?


Joker im Umlauf

Barbara, was drücken Stereotype Deiner Meinung nach aus? Wie können Stereotype auch entstehen?

Die Botschaften die über Stereotypen, über die Symbolebene vermittelt werden, sind nicht unbedingt eindeutig. Menschen benutzen durch Bemalung eine Bildsprache, die vermeintlich von jedem verstanden wird. Ein Beispiel ist die „Joker“-Bemalung mit den typischen Farben. Wir finden sie bei einer kopftuchtragenden Demonstrantin aus dem Libanon. Diese Bildsprache fand sich dann sehr schnell in anderen Medien wieder. Ebenfalls im November 2019 prangte auf dem Titelbild des Monatsmagazin „Stern Viewer“ der britische Brexit-Verfechter Boris Johnson als Joker auf unter dem Titel: “Der Zocker. Warum der Brexit-Premier glücklich ist, wenn er Chaos stiften kann…“.

Interessant dabei ist, dass die Maskierung des Jokers im Film eine Umdeutung erfährt. Der Protagonist begeht seine ersten Morde zwar verkleidet, dies jedoch nur, weil er als Clown arbeitet. Die Maskierung ist also Teil seiner Arbeitsgarderobe und wird von der Öffentlichkeit (u.a. durch die Medien) uminterpretiert. Seine Morde, die Selbstjustiz und Verteidigung sind, werden als politischer Ausdruck gegen die Eliten und die ungleichen Wohlstandsverhältnisse verstanden. Da die Bevölkerung unzufrieden ist und sich ähnlich zurückgesetzt fühlt, nimmt sie diese symbolische Interpretation auf und nutzt sie für ihre Proteste.

Bezeichnend ist, dass dieser symbolische Übertrag auch in der Realität stattfindet. Und dass, obwohl aus dem Film herausgeht, der Joker selbst keine politische Agenda hat. Der symbolische Wert ist also stärker, als die „wahren“ Motive des Protagonisten und findet dementsprechend einen Übertrag in die Realität.

Medien haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Verbreitung und Interpretation von Symbolebenen. Die Bemalung, die Maskierung kann unterschiedlich interpretiert werden.


Judith, Maskierungen, Masken spielen ja sehr mit den Symbolebenen. Was vermittelt uns eine Maskierung?


Zufällig ein Bild von Dir machen

Judith, denkst du, dass wir auch als Menschen manchmal den jeweiligen Ausdruck des Gegenübers fehlinterpretieren?

Frau mit Holzmaske

Sicherlich tun wir das nicht nur manchmal, sondern ständig. Grund dafür ist die Symbolebene des Gesichts. Diese Ebene ist sicherlich die seltsamste und gleichzeitig zauberhafteste der Ebenen, die wir hier betrachten. Wir können uns die Symbolebene des Gesichts wie eine Projektionsfläche vorstellen, die dem Gegenüber zwar einige Anhaltspunkte zur Person liefert, vor allem aber viele Andockstellen an denen man allerlei Ideen, Urteile und Vorurteile anheften kann.

Animation von Judith Block, Zwei Wesen machen sich ein Bild voneinander

Wenn wir sagen, dass wir uns „ein eigenes Bild“ von einer Person machen wollen, dann sagt das einiges über die Symbolebene des Gesichts aus. Das Bild, das wir uns von einer Person machen, ist nämlich tatsächlich von uns als Betrachter mit erstellt.
Ein Gesicht besteht immer aus einer Reihe an zufälligen Eigenschaften, die durch die Ausprägung unserer Gene entschieden werden. Diese Eigenschaften sind tatsächlich genau das – zufällig.

Im Laufe unseres Lebens wird unser Gesicht aber auch von den Dingen, die wir erfahren, mitgestaltet. So hinterlässt die Zeit allerhand Spuren in unserem Gesicht, ebenso wie die Sonne, die Pubertät, Krankheiten oder Verletzungen. Freude hinterlässt Lachfalten im Gesicht und emotional auszehrende Episoden Sorgenfalten.
Wenn wir ein Gesicht betrachten, dann ist die Symbolebene ein Versuch, die Spuren, die das Leben dort hinterlassen hat, richtig zu deuten. Dazu addieren wir meist eine bunte Mischung an Erfahrungen, die wir mit der Person bereits gemacht haben, dem Kontext, in dem wir ihr begegnen, Generalisierungen, Vorurteilen und visuellen Stereotypen. Wissenslücken werden hierbei großzügig mit Vorstellungen aufgefüllt.

Die Symbolebene bietet uns eine Möglichkeit, uns in sozialen Interaktionen zu orientieren und bestimmt maßgeblich, wie wir einer Person gegenübertreten. Ohne sie würden wir jeden Mitmenschen wie einen Fremden behandeln.

Gleichzeitig ist die Symbolebene immer auch an das Jetzt gebunden. Sie entsteht in dem Moment, in dem sich zwei Personen persönlich begegnen, einem Augenblick des Angesichts. Man kann sich den Augenblick des Angesichts so vorstellen: Zwei Menschen stehen sich gegenüber und tragen jeweils eine halbtransparente Maske, die sie nicht selbst erstellt haben, sondern die ihnen das Gegenüber aufgesetzt hat. Im Augenblick des Angesichts schauen wir also auf eine halbverschleierte Version des Gesichts unseres Gegenübers. Und diese Verschleierung haben wir selbst erschaffen.

Die Symbolebene bietet uns eine trügerische Gelegenheit, dort allerlei stereotype Vorstellungen drauf zu projizieren, die unser Gegenüber unberechtigt belastet. Wir sollten uns immer klarmachen, dass die Symbolebene mehr über uns als Ersteller der halbtransparenten Maske aussagt, als über die Person, der wir sie aufsetzen.


Barbara, was hältst du davon? Was drücken Stereotype deiner Meinung nach aus? Wie können Stereotypen auch entstehen?


Mimik decodieren

Judith, wie können Maschinen denn Mimik erkennen und verstehen?

Einige unserer mimischen Ausdrücke zeigen sich universell auf die gleiche Weise und sind wahrscheinlich in unserer DNA eingeschrieben. Diese Ausdrücke wurden erstmals von Paul Ekman und Wallace Friesen erforscht und unter dem Begriff „Basisemotionen zusammengefasst“. Dazu gehören Freude, Wut, Trauer, Angst, Ekel, Überraschung und Verachtung. Die Universalität dieser Basisemotionen ist für uns von herausragender Bedeutung, weil es bedeutet, dass wir unabhängig von Kultur, Sprache oder Fremdheit die Gefühle eines Gegenübers erkennen können. Die Basisemotionen geben uns eine grundlegende Orientierung über den emotionalen Kontext einer sozialen Interaktion.

Ekman und sein Forschungsteam entwickelten außerdem eine Systematik für Gesichtsausdrücke, das Facial Action Coding System (FACS). Dieses beinhaltet alle zu den Basisemotionen gehörenden Muskelbewegungen und macht es dementsprechend möglich, Mimik nach einer festen Logik zu decodieren. Das FACS bildet die Grundlage für alle derzeit bestehenden Mimik-Interpretations-Systeme. Diese werten die Bewegungen im Gesicht aus und vergleichen die Abweichungen mimischer Punkte (Mundwinkel, Lippenposition, Augenbrauen, etc.) mit ihrer neutralen Position. Es ist insofern technisch möglich, anhand von Bilddaten eine Aussage zu der emotionalen Grundverfassung einer Person zu treffen.

Allerdings ist Mimik nicht nur universell, sondern zu Teilen auch kulturell ausgeprägt. Zahlreiche Ausdrucksnuancen haben eine kulturelle Konnotation, deren Bedeutung wir nur verstehen können, wenn uns die Kultur bekannt ist. Dazu gehören etwa die Ausdrücke, die du bereits beschrieben hast: Was wird als Flirt wahrgenommen, was als Autorität? Wie zeigen wir Fürsorge oder drücken Ironie aus?
Kulturell geprägte Ausdrücke sind keine festen Einheiten wie die Basisemotionen, sondern entwickeln sich ständig weiter. Sie teilen sich diese Eigenschaft mit der gesprochenen Sprache, die sich ebenfalls ständig verändert und das Zeitgeschehen widerspiegelt.
Diese kulturell geprägten Ausdrücke werden in den derzeitigen Mimik-Interpretationstechnologien nicht berücksichtigt.

Der Umstand, dass unsere Mimik auf ihre universelle Ausprägung reduziert wird, ist problematisch. Werden kulturelle Ausdrücke von technischer Seite nicht anerkannt, kann das dazu führen, dass wir sie langfristig in unserer Ausdrucksweise auslassen werden, da sie keine (technologische) Resonanz erfährt.  


Barbara, was verrät unser Ausdruck über uns, wozu ist er wichtig?


Das Ungreifbare erforschbar machen

Judith, wie verstehst du deinen Forschungsansatz und was hat das mit Gesichtserkennungstechnologien zu tun?

Streetart in den Straßen von Lubljana. Die Vielschichtigkeit des Gesichts wird hier durch doppelte Linienführung hervorgehoben. Die verschiedenen Ebenen Index, Ausdruck und Symbolebene werden übereinandergelegt.
Streetart in den Straßen von Lubljana

Gesichter sind als Forschungsgegenstand gerade wegen ihrer Vielschichtigkeit interessant.
Jedes Gesicht ist einzigartig, ständig in Bewegung und wird von äußeren Einflüssen mitgestaltet. Sonne und Alter hinterlassen darin ihre Spuren, ebenso wie Episoden voller Glück oder Zeiten der Trauer. Wollen wir das Gesicht einer systematischen Betrachtungsweise unterziehen, dann ist das nur möglich, wenn wir das Gesicht aus mehreren, sehr eng gefassten Perspektiven betrachten. Wir können uns diese Perspektiven wie verschiedene Ebenen eines Gesichts vorstellen. Jede Ebene übernimmt eine spezifische Funktion. Alle sind aber immer nur ein kleiner Teil dessen, was das Gesicht ausmacht und jede Ebene hängt mit den anderen Ebenen zusammen.

Für diesen Dialog untersuche ich die folgenden drei Ebenen:

  • Index
  • Ausdruck
  • Symbolebene

Die Indexebene beschreibt die Eigenschaft, anhand des Gesichts ein Individuum zu erkennen. Wir erkennen einander nicht an unseren Händen oder anderen Körperteilen, sondern anhand der einzigartigen Merkmale des Gesichts.

Die Ausdrucksebene des Gesichts beschreibt die Mimik, die unsere Gefühle und Affekte kommuniziert. Jede Bewegung, die auf dem Gesicht durch Muskeln verursacht wird, gehört zu der Ausdrucksebene.

Die Symbolebene beschreibt alle die Eigenschaften, die uns ein Gegenüber aufgrund unseres Aussehens zuschreibt. Sie ist sicherlich die Ebene, über die wir besonders gut streiten können. Einerseits bietet sie eine unverzichtbare Orientierungshilfe in der sozialen Interaktion, gleichzeitig ist sie aber die Grundlage für Vorurteile, visuelle Stereotype und einer Benachteiligung aller Menschen, deren Aussehen nicht festgelegten Normen entspricht. Alle die hier beschriebenen Ebenen des Gesichts sind durch aktuelle Entwicklungen der Gesichtserkennungstechnologien betroffen. Auch deshalb lohnt sich eine spezifische Untersuchung der einzelnen Funktionen des Gesichts – denn Gesichtserkennungstechnologie ist nicht gleich Gesichtserkennungstechnologie. Eine Technologie, die Emotionen auf dem Gesicht ablesen kann, hat nicht zwangsläufig auch die Eigenschaft, die Personen vor der Kamera zu identifizieren.


Barbara, wie ist Dein Blick auf solch eine Systematik?


Der Künstlerische Dialog als Form der Forschung

Judith, Du bringst den Aspekt der Designforschung ins Gespräch. Kann man sagen, dass der Künstlerische Dialog von uns eine Form von Designforschung ist?

Designwissenschaft findet im Dialog zwischen Theorie und Praxis statt.

Denken und Gestalten sind zwei Tätigkeiten, die einander ergänzen. Die Gestaltung greift auf bestehende Konzepte und Modelle zurück, um einen aktiv zu verändern – die dadurch entstandene Veränderung sorgt ihrerseits dafür, dass Gedanken eine Resonanz erfahren. Ein veränderter Kontext macht neue Modelle notwendig. Design und Philosophie sind zwei Weisen, mit der Realität zu interagieren, die jeweils durch Verdichtungen angewiesen sind. Philosophie verdichtet Beobachtungen zu Modellen. Design nutzt Ästhetik, um komplexe Gedankenstrukturen zu einem (materiellen) Ausdruck zu verdichten.

Sich als Designerin mit Gesichtern zu beschäftigen, birgt zahlreiche Herausforderungen. Im Design nutzen wir oft Schemata und Stereotypen, um die Verständlichkeit von Objekten gewährleisten zu können. Diese Schemata sorgen dafür, dass Produkte intuitiv genutzt werden können und wir beispielsweise ohne längere Auseinandersetzung mit einem Produkt wissen, dass es sich zum Beispiel hierbei um eine Türklinke handelt.

Gesichtern mit dieser Haltung zu begegnen, würde ihre Individualität untergraben und Stereotype manifestieren, von denen wir uns eigentlich lieber lösen würden.
Die gestalterische und theoretische Auseinandersetzung mit Gesichtern und ihrem Wert in Zeiten der technologischen Gesichtserkennung kann man als eine Suche nach einem Umgang damit ansehen. Bezeichnend dabei ist, dass ich zwar aktiv darauf achten kann, in der Gestaltung Stereotype nicht zu sehr zu berücksichtigen. Gleichzeitig aber gelingt es mir nicht, mein eigenes Gesicht aus den Werken herauszuhalten. Wenn ich etwas gestalte, gehe ich zu Beginn immer von mir selbst aus.

Das sieht man beispielsweise an diesen Tongesichtern. Selbst wenn ich versuche, Gesichter zu machen, die ein anderes Alter, ein anderes Geschlecht oder andere Züge haben, als ich – irgendwie könnten sie trotzdem Verwandte von mir sein.


Barbara, wie siehst Du Deinen Ansatz, wieviel steckt von Dir und Deiner Sicht auf die Dinge in deinem Werk, in Deinem Arbeitsmaterial? 


Außerdem laden wir euch ein!

10.5.2020, 19:00 Uhr:

Kunstausstellung „FACE_OFF“ – Maske, Schutz oder Vermummung?

Zwei Künstlerinnen im Dialog: Judith Block und Barbara Otto haben sich ein Jahr lang mit dem Vermummungsverbot beschäftigt. Jetzt gibt es eine MaskenPFLICHT. Was tun? Ein offenes Brainstorming wie man die eigene Aversion gegen Schutzmasken humorvoll zum Ausdruck bringen kann.

Den Link zum Live-Stream findet ihr hier.

Um aktiv an der Diskussion teilzunehmen, schicke uns eine eine email an: Judith.block@gmx.de

Das Gesicht in digitalen Zeiten – ein Blick in die Zukunft

Wenn wir über die Zukunft reden, denken wir meist an Technologien. Es werden Roboter sein, die uns in der Zukunft begleiten, Maschinen, die uns Aufgaben abnehmen und neue Medien, die unsere Wahrnehmung auf die Welt verändern. Nur selten kommt uns in den Sinn, welche Konstanz wir als Menschen selbst in der Zeit bilden.

Das Gesicht als Projektionsfläche für Zeitgeist und Visionen ist immer auch ein Zeugnis seiner Zeit.

Wagen wir einen Blick in unsere Zukunft, dann lohnt es sich deshalb, die gegenwärtige Wahrnehmung des Gesichts zu untersuchen. Und diese erlebt derzeit einen entscheidenden Umbruch. Erstmals in der Geschichte wird das Gesicht für Maschinen lesbar. Im Zusammenspiel von Kameratechnologien und neuronaler Netze können Informationen zu Gesichtern nicht nur aufgenommen, sondern auch auf verschiedenste Weise technologisch interpretiert werden.

Diese Entwicklung birgt großes Veränderungspotenzial für unser gesellschaftliches Zusammenleben und auch die Art, wie wir miteinander kommunizieren.

Unser künstlerischer Dialog widmet sich den Veränderungen, die uns mit dieser Entwicklung bevorstehen. Dabei stehen wir sowohl fachlich in einem Spannungsfeld als auch bezüglich unserer Lebenserfahrungen. Wir entstammen zwei unterschiedlichen Generationen, die eine Jugend hat vor der Digitalisierung stattgefunden, die andere wurde hauptsächlich davon geprägt. Die eine hat die Anfänge der Digitalisierung durch die Einführung von PCs aktiv mitgeprägt. Die andere findet die Digitalisierung als gegeben vor, sucht Wege der Opposition, stellt in Frage.

Jede hat ihr eigenes Arbeitsmaterial, mit Neugier schauen wir auf den Arbeitsprozess der anderen, manches scheint uns fremd, aus der Zeit gefallen oder zeitgemäß?

So ist Barbaras Material ein Relikt einer vordigitalen Zeit und gleichzeitig wichtiger Zeitzeuge vieler Jahre des öffentlichen Lebens, denn Litfaßsäulen sind seit Jahren nicht mehr im Stadtbild prägend. Judiths Entwurfsarbeit am Computer hingegen hat nur wenig mit der haptischen Auseinandersetzung mit Materialien zu tun. Die Entwürfe werden am Bildschirm erstellt und finden erst nach Fertigstellung ins Material.

Unser künstlerischer Dialog speist sich aus diesen Unterschieden, sucht in unseren unterschiedlichen Weltzugängen nach Widersprüchen und Ungereimtheiten.


Judith, Du bringst den Aspekt der Designforschung ins Gespräch. Kann man sagen, dass der Künstlerische Dialog von uns eine Form von Designforschung ist?