Der Zauber der Maske

Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?

Nehmen wir mal den Kölner Karneval. Ein alter Brauch ermöglicht, in andere Rollen zu schlüpfen. Die Prinzessin, der Clown, der Teufel, Marie-Antoinette, der Mann als Frau, die Frau als Gewichtsheberin. Es ist oft auch ein befreiender Akt. Es erlaubt, etwas zeitlich begrenzt auszuprobieren. Hier kann ich auch eine andere Wahrnehmung des Gegenübers erleben. Dieser geteilte Raum hat einen besonderen Reiz, wie in einer Zauberei, lassen sich bestehenden Normen lösen. Hier liegt die Chance einer neuen Erfahrung, deren Aspekte eventuell nach dem Aschermittwoch mit ins normale Leben genommen werden können. Der CSD hat sicherlich ähnliche Wirkung.

Aktiv „das Selbst gestalten“ ist Ausdruck von Lebenslust. Gleichzeitig schützt die Gruppe diese Experimente, sanktioniert sie sogar positiv. Hier wird also ein Raum geschaffen, in dem freie Entfaltung mit allen Schrägheiten möglich ist. Der Raum ist konkret und gleichzeitig imaginär, fast mystisch.

Das mystische Verbergen oder Schützen des privaten Umfeldes, der Gruppe, der Familie, spielte schon vor den Erkennungstechnologien eine Rolle. Es waren steinerne fratzenartige Gesichter als Schlusssteine ausgeführter Schmuck an Häusern, die das Innere schützen sollten, sogenannte Maskarone.

Zwar können die Maskarone als Symbolgestalten nichts gegen die realen Gefahren der Welt ausrichten, jedoch vermögen sie den Ängsten der Bewohner einen Ausdruck geben. Der Glaube an magische Schutzgestalten ist ein Weg, den Gefahren einer ungewissen Zukunft zu begegnen. Man kann solche Ängste zu verdrängen versuchen, oder ihnen, beispielsweise durch die Darstellung solcher Maskarone einen Ausdruck geben. Die Ängste werden dabei zwar bildhaft angesprochen, aber durch die Materialisierung der Maskarone bekommen sie auch eine Dimensionierung und können nicht übermächtig werden. Ja, ich sehe darin auch eine Mystik, einen gewissen Zauber.


Judith, es gibt noch anderen Formen von „Maskierungen“ beim Menschen. Haben Alltagsmasken z.B. Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercing, auch diesen Zauber, soll er verstärkt werden oder geht der im Alltag verloren?


Undisziplinierte Mimik

Barbara, was verrät unser Ausdruck über uns, wozu ist er wichtig?

Mit Sicherheit gehört Mimik zur Kommunikation zwischen Menschen schon immer dazu, auch wenn uns nicht die ganze Menschheitsgeschichte überliefert ist.

Was bleibt ist, dass wir etwas Erkennbares, ein Lächeln, Tränen, Wutausdruck brauchen… nicht alles lässt sich in Worte fassen.

Dementsprechend suche ich im Gesicht des Gegenübers die Antwort auf meine Fragen, die ich habe oder an sie oder ihn stelle. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander.

Kommunikation ist ein Dialogprozess, der sich im Gesicht widerspiegelt. Die emotionale Haltung wird sichtbar. Auch wenn wir versuchen, sie zu unterdrücken, gibt es immer einen spontanen Einblick in die Person, wahrnehmbar durch die Körpersprache. Die Reaktion des anderen bildet die Antwort.

Wir brauchen also die Resonanz im Gesicht der anderen. Wir können gar nicht ohne Mimik, aber Technologien könnten diese Eigenschaft von uns gegen unsere Interessen verwenden. Dann wären wir gezwungen, gegen unsere Natur zu handeln.

Als Künstlerin suche ich nicht die Norm, sondern das Unerwartete, sehe Herausforderungen als Resonanz, das Ungewisse als Chance, bin offen dem Ergebnis gegenüber. Als sozialer und politischer Mensch gestalte ich die Prozesse aktiv mit. Kunst als Spiegel, als Überhöhung von Wirklichkeit und Entwicklung von Visionen ist existenziell. Sie wird immer über Erwartungen hinweggehen und die Sichtweisen irritieren und aufrütteln.

Wenn ich nun als Mensch diszipliniert werde, wie z.B. durch das Social Credit System Chinas, werde ich mich anpassen. Ich werde versuchen, meine wahren Gefühle zu verstecken.

Es sind durch die globale Digitalisierung neue soziale Prozesse in Gang. Diese spielen sich nicht nur zwischen Menschen ab, sondern zwischen Mensch und Maschine, wobei letztere unsichtbar und schwer einschätzbar ist.

Du weist darauf hin, dass kulturell geprägten Gesichtsausdrücke in den derzeitigen Mimik-Interpretationstechnologien (noch) nicht enthalten sind. Ob diese neuen Technologien nun gefährlich sind oder nicht, können wir momentan nur bedingt beurteilen. Wer führt, wer passt sich an?

Diese Erfahrungen mit dem Einsatz der Technologien zeigen uns ein Beispiel einer immanenten Normierung. Fehler und Abweichungen sind nicht gestattet, werden sanktioniert. Menschen werden aufgefordert, andere zu bespitzeln, sich zu distanzieren oder sogar mit zu „erziehen“.


Judith, denkst du, dass wir auch als Menschen manchmal den jeweiligen Ausdruck des Gegenübers fehlinterpretieren?


Maskierung in der Öffentlichkeit

Barbara, wie ist Dein Blick auf solch eine Systematik?

Sehr wichtig erscheint mir die Unterscheidung, die Du im vorhergehenden Beitrag gemacht hat. Du schreibst: „Eine Technologie, die Emotionen auf dem Gesicht ablesen kann, hat nicht zwangsläufig auch die Eigenschaft, die Personen vor der Kamera zu identifizieren.“

Es geht also nicht nur um biometrische Daten, sondern um die Abbildung des emotionalen Prozesses im Gesicht. Die Einordnung eines Menschen in die Zughörigkeit, Schicht und Ethnie lassen sich vermeintlich an Äußerlichkeiten identifizieren: Kleidung, Haare, Hautfarbe, Körperumfang, Statussymbole.

Gleichzeitig sind wir als Menschen damit beschäftigt, eine Rolle auszufüllen und fragen uns, was wollen wir über unser Gesicht zeigen, was verbergen wir? Was geben wir von uns preis, was ist schützenswert?

Etwas verbindet viele Kulturkreise und Gesellschaften: Mächtige wollen ihre Untergebenen, ihre Bürger, ihre Kunden kontrollieren und steuern. Das führt zu Vermummungsverboten des Gesichtes im öffentlichen Raum und wird sanktioniert. Laut § 27 Versammlungsgesetz NRW darf man in Deutschland im öffentlichen Raum beispielsweise bei Demonstrationen oder im Auto keine Maske tragen.

Ein anderer Aspekt ist die Prägung in und aus den jeweiligen Kulturkreisen, aus denen wir kommen und in denen wir leben. Das Gesicht wahren, ein steinernes Gesicht, ein offenes Gesicht, sind bekannte Metaphern. In manchen Kulturen ist es ein Affront, dem anderen direkt in die Augen zu schauen. Woanders gilt der gesenkte Blick als ein Zeichen der Unterwerfung.

Sein Gesicht zu verdecken, kann entweder dem Schutz der eigenen Person dienen oder eine Verweigerung der Identifizierbarkeit bedeuten.

Eine Gesichtsbedeckung wird auch zum Schutz des Gesichtes bei der Arbeit mit gefährlichen Substanzen oder aus religiösen Gründen genutzt. Vermummung nennt man es bei Demonstrationen oder Straftaten, daher bestehen Vermummungsverbote.

Nun herrscht in Corona-Zeiten plötzlich eine Maskenpflicht.
Wie erkenne ich mein Gegenüber? Wie gehe ich auf ihn oder sie zu?

Das Virus verurteilt uns auf jeden Fall, Abstand zueinander zu halten. Das ist für uns als soziale Wesen schwierig. Ein Händedruck, eine Umarmung, ein Näherkommen sind uns wichtig.


Judith, was bedeuten nun die Gesichtserkennungstechnologien?


Vielschichtigkeit als Arbeitsmaterial

Barbara, wie siehst Du Deinen Ansatz, wieviel steckt von Dir und Deine Sicht auf die Dinge in deinem Werk, in Deinem Arbeitsmaterial? 

Ich nutze verschiedenes Material, in dem Geschichte steckt: Altglas, Altkleider oder eben die „Schwarten“ von Litfaßsäulen. Es passt zu „meiner Sicht auf die Dinge“.

Als Künstlerin bin ich forschend und gestaltend unterwegs. Im Grunde bin ich immer auf Entdeckungsreise. Meine künstlerischen Werkreihen reflektieren den jeweiligen Zeitgeist, die Objekte entstehen aus dem Material vergangener Zeitdokumente (den Plakaten) und halten einen Abschnitt, eine Abbildung der Geschichte fest.

Das Material der Litfaßsäule, die über Jahrzehnte übereinander geklebte Schichten von Werbe-Plakaten, faszinierten mich schon lange, spiegeln sie doch sowohl die Vielschichtigkeit des Lebens als auch die Wahrnehmungsebenen der Menschen wider. Oberflächlich wird eine Botschaft transportiert, doch was liegt darunter?

Den künstlerischen Prozess kann man über die verschiedenen Werkreihen verfolgen. Im jetzigen Werk zu unseren Gesichtern in digitalen Zeiten nehme ich die Schichten auseinander, nutze die Plakate als Material für die Gesichts-Kollagen. Die Schwarte bleibt als Träger darunter, aber ich gebe ganz bewusst eine neue Gestalt hinzu.

Gerade jetzt, wo eine fühlbare und erlebbare Bedrohung durch eine lebensfeindliche Epidemie rund um die Welt läuft und keinen auslässt, wird die Vielschichtigkeit des Lebens, die Zufälligkeit der Lebensorte, die unterschiedlichen Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsmuster auffällig.

Die Inspiration kommt demnach durch Themen, die mir durch Gesellschaftspolitik entgegenspringen, die ich auch gedanklich auslote, ich recherchiere und lese viel zu den verschiedenen Aspekten. Das Material bringt noch eine zusätzliche Ebene herein und schafft somit die künstlerische Transformation.


Judith, wie verstehst Du Deinen Forschungsansatz und was hat das mit  Gesichtserkennungstechnologien zu?


Neugierig geworden, wie man so Skulpturen erstellt?

11.5.2020, 19:00 Uhr:

„Sculpture in Progress“ – Mit Kettensäge und Teppichleim

Die Künstlerin Barbara Otto benutzt die über Jahre auf Litfaßsäulen übereinander geklebten Schichten von Werbeplakaten. In einer Art Zeitdokumentation fertigt sie daraus Skulpturen von Gesichtern. Per Video schalten wir live in ihr Atelier und bekommen Einblick in einen kreativen Findungsprozess.

Den Link zu der Veranstaltung findet ihr hier.

Der Künstlerische Dialog als Form der Forschung

Judith, Du bringst den Aspekt der Designforschung ins Gespräch. Kann man sagen, dass der Künstlerische Dialog von uns eine Form von Designforschung ist?

Designwissenschaft findet im Dialog zwischen Theorie und Praxis statt.

Denken und Gestalten sind zwei Tätigkeiten, die einander ergänzen. Die Gestaltung greift auf bestehende Konzepte und Modelle zurück, um einen aktiv zu verändern – die dadurch entstandene Veränderung sorgt ihrerseits dafür, dass Gedanken eine Resonanz erfahren. Ein veränderter Kontext macht neue Modelle notwendig. Design und Philosophie sind zwei Weisen, mit der Realität zu interagieren, die jeweils durch Verdichtungen angewiesen sind. Philosophie verdichtet Beobachtungen zu Modellen. Design nutzt Ästhetik, um komplexe Gedankenstrukturen zu einem (materiellen) Ausdruck zu verdichten.

Sich als Designerin mit Gesichtern zu beschäftigen, birgt zahlreiche Herausforderungen. Im Design nutzen wir oft Schemata und Stereotypen, um die Verständlichkeit von Objekten gewährleisten zu können. Diese Schemata sorgen dafür, dass Produkte intuitiv genutzt werden können und wir beispielsweise ohne längere Auseinandersetzung mit einem Produkt wissen, dass es sich zum Beispiel hierbei um eine Türklinke handelt.

Gesichtern mit dieser Haltung zu begegnen, würde ihre Individualität untergraben und Stereotype manifestieren, von denen wir uns eigentlich lieber lösen würden.
Die gestalterische und theoretische Auseinandersetzung mit Gesichtern und ihrem Wert in Zeiten der technologischen Gesichtserkennung kann man als eine Suche nach einem Umgang damit ansehen. Bezeichnend dabei ist, dass ich zwar aktiv darauf achten kann, in der Gestaltung Stereotype nicht zu sehr zu berücksichtigen. Gleichzeitig aber gelingt es mir nicht, mein eigenes Gesicht aus den Werken herauszuhalten. Wenn ich etwas gestalte, gehe ich zu Beginn immer von mir selbst aus.

Das sieht man beispielsweise an diesen Tongesichtern. Selbst wenn ich versuche, Gesichter zu machen, die ein anderes Alter, ein anderes Geschlecht oder andere Züge haben, als ich – irgendwie könnten sie trotzdem Verwandte von mir sein.


Barbara, wie siehst Du Deinen Ansatz, wieviel steckt von Dir und Deiner Sicht auf die Dinge in deinem Werk, in Deinem Arbeitsmaterial? 


Außerdem laden wir euch ein!

10.5.2020, 19:00 Uhr:

Kunstausstellung „FACE_OFF“ – Maske, Schutz oder Vermummung?

Zwei Künstlerinnen im Dialog: Judith Block und Barbara Otto haben sich ein Jahr lang mit dem Vermummungsverbot beschäftigt. Jetzt gibt es eine MaskenPFLICHT. Was tun? Ein offenes Brainstorming wie man die eigene Aversion gegen Schutzmasken humorvoll zum Ausdruck bringen kann.

Den Link zum Live-Stream findet ihr hier.

Um aktiv an der Diskussion teilzunehmen, schicke uns eine eine email an: Judith.block@gmx.de

Das Gesicht in digitalen Zeiten – ein Blick in die Zukunft

Wenn wir über die Zukunft reden, denken wir meist an Technologien. Es werden Roboter sein, die uns in der Zukunft begleiten, Maschinen, die uns Aufgaben abnehmen und neue Medien, die unsere Wahrnehmung auf die Welt verändern. Nur selten kommt uns in den Sinn, welche Konstanz wir als Menschen selbst in der Zeit bilden.

Das Gesicht als Projektionsfläche für Zeitgeist und Visionen ist immer auch ein Zeugnis seiner Zeit.

Wagen wir einen Blick in unsere Zukunft, dann lohnt es sich deshalb, die gegenwärtige Wahrnehmung des Gesichts zu untersuchen. Und diese erlebt derzeit einen entscheidenden Umbruch. Erstmals in der Geschichte wird das Gesicht für Maschinen lesbar. Im Zusammenspiel von Kameratechnologien und neuronaler Netze können Informationen zu Gesichtern nicht nur aufgenommen, sondern auch auf verschiedenste Weise technologisch interpretiert werden.

Diese Entwicklung birgt großes Veränderungspotenzial für unser gesellschaftliches Zusammenleben und auch die Art, wie wir miteinander kommunizieren.

Unser künstlerischer Dialog widmet sich den Veränderungen, die uns mit dieser Entwicklung bevorstehen. Dabei stehen wir sowohl fachlich in einem Spannungsfeld als auch bezüglich unserer Lebenserfahrungen. Wir entstammen zwei unterschiedlichen Generationen, die eine Jugend hat vor der Digitalisierung stattgefunden, die andere wurde hauptsächlich davon geprägt. Die eine hat die Anfänge der Digitalisierung durch die Einführung von PCs aktiv mitgeprägt. Die andere findet die Digitalisierung als gegeben vor, sucht Wege der Opposition, stellt in Frage.

Jede hat ihr eigenes Arbeitsmaterial, mit Neugier schauen wir auf den Arbeitsprozess der anderen, manches scheint uns fremd, aus der Zeit gefallen oder zeitgemäß?

So ist Barbaras Material ein Relikt einer vordigitalen Zeit und gleichzeitig wichtiger Zeitzeuge vieler Jahre des öffentlichen Lebens, denn Litfaßsäulen sind seit Jahren nicht mehr im Stadtbild prägend. Judiths Entwurfsarbeit am Computer hingegen hat nur wenig mit der haptischen Auseinandersetzung mit Materialien zu tun. Die Entwürfe werden am Bildschirm erstellt und finden erst nach Fertigstellung ins Material.

Unser künstlerischer Dialog speist sich aus diesen Unterschieden, sucht in unseren unterschiedlichen Weltzugängen nach Widersprüchen und Ungereimtheiten.


Judith, Du bringst den Aspekt der Designforschung ins Gespräch. Kann man sagen, dass der Künstlerische Dialog von uns eine Form von Designforschung ist?