Das Ungreifbare erforschbar machen

Judith, wie verstehst du deinen Forschungsansatz und was hat das mit Gesichtserkennungstechnologien zu tun?

Streetart in den Straßen von Lubljana. Die Vielschichtigkeit des Gesichts wird hier durch doppelte Linienführung hervorgehoben. Die verschiedenen Ebenen Index, Ausdruck und Symbolebene werden übereinandergelegt.
Streetart in den Straßen von Lubljana

Gesichter sind als Forschungsgegenstand gerade wegen ihrer Vielschichtigkeit interessant.
Jedes Gesicht ist einzigartig, ständig in Bewegung und wird von äußeren Einflüssen mitgestaltet. Sonne und Alter hinterlassen darin ihre Spuren, ebenso wie Episoden voller Glück oder Zeiten der Trauer. Wollen wir das Gesicht einer systematischen Betrachtungsweise unterziehen, dann ist das nur möglich, wenn wir das Gesicht aus mehreren, sehr eng gefassten Perspektiven betrachten. Wir können uns diese Perspektiven wie verschiedene Ebenen eines Gesichts vorstellen. Jede Ebene übernimmt eine spezifische Funktion. Alle sind aber immer nur ein kleiner Teil dessen, was das Gesicht ausmacht und jede Ebene hängt mit den anderen Ebenen zusammen.

Für diesen Dialog untersuche ich die folgenden drei Ebenen:

  • Index
  • Ausdruck
  • Symbolebene

Die Indexebene beschreibt die Eigenschaft, anhand des Gesichts ein Individuum zu erkennen. Wir erkennen einander nicht an unseren Händen oder anderen Körperteilen, sondern anhand der einzigartigen Merkmale des Gesichts.

Die Ausdrucksebene des Gesichts beschreibt die Mimik, die unsere Gefühle und Affekte kommuniziert. Jede Bewegung, die auf dem Gesicht durch Muskeln verursacht wird, gehört zu der Ausdrucksebene.

Die Symbolebene beschreibt alle die Eigenschaften, die uns ein Gegenüber aufgrund unseres Aussehens zuschreibt. Sie ist sicherlich die Ebene, über die wir besonders gut streiten können. Einerseits bietet sie eine unverzichtbare Orientierungshilfe in der sozialen Interaktion, gleichzeitig ist sie aber die Grundlage für Vorurteile, visuelle Stereotype und einer Benachteiligung aller Menschen, deren Aussehen nicht festgelegten Normen entspricht. Alle die hier beschriebenen Ebenen des Gesichts sind durch aktuelle Entwicklungen der Gesichtserkennungstechnologien betroffen. Auch deshalb lohnt sich eine spezifische Untersuchung der einzelnen Funktionen des Gesichts – denn Gesichtserkennungstechnologie ist nicht gleich Gesichtserkennungstechnologie. Eine Technologie, die Emotionen auf dem Gesicht ablesen kann, hat nicht zwangsläufig auch die Eigenschaft, die Personen vor der Kamera zu identifizieren.


Barbara, wie ist Dein Blick auf solch eine Systematik?