Undisziplinierte Mimik

Barbara, was verrät unser Ausdruck über uns, wozu ist er wichtig?

Mit Sicherheit gehört Mimik zur Kommunikation zwischen Menschen schon immer dazu, auch wenn uns nicht die ganze Menschheitsgeschichte überliefert ist.

Was bleibt ist, dass wir etwas Erkennbares, ein Lächeln, Tränen, Wutausdruck brauchen… nicht alles lässt sich in Worte fassen.

Dementsprechend suche ich im Gesicht des Gegenübers die Antwort auf meine Fragen, die ich habe oder an sie oder ihn stelle. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander.

Kommunikation ist ein Dialogprozess, der sich im Gesicht widerspiegelt. Die emotionale Haltung wird sichtbar. Auch wenn wir versuchen, sie zu unterdrücken, gibt es immer einen spontanen Einblick in die Person, wahrnehmbar durch die Körpersprache. Die Reaktion des anderen bildet die Antwort.

Wir brauchen also die Resonanz im Gesicht der anderen. Wir können gar nicht ohne Mimik, aber Technologien könnten diese Eigenschaft von uns gegen unsere Interessen verwenden. Dann wären wir gezwungen, gegen unsere Natur zu handeln.

Als Künstlerin suche ich nicht die Norm, sondern das Unerwartete, sehe Herausforderungen als Resonanz, das Ungewisse als Chance, bin offen dem Ergebnis gegenüber. Als sozialer und politischer Mensch gestalte ich die Prozesse aktiv mit. Kunst als Spiegel, als Überhöhung von Wirklichkeit und Entwicklung von Visionen ist existenziell. Sie wird immer über Erwartungen hinweggehen und die Sichtweisen irritieren und aufrütteln.

Wenn ich nun als Mensch diszipliniert werde, wie z.B. durch das Social Credit System Chinas, werde ich mich anpassen. Ich werde versuchen, meine wahren Gefühle zu verstecken.

Es sind durch die globale Digitalisierung neue soziale Prozesse in Gang. Diese spielen sich nicht nur zwischen Menschen ab, sondern zwischen Mensch und Maschine, wobei letztere unsichtbar und schwer einschätzbar ist.

Du weist darauf hin, dass kulturell geprägten Gesichtsausdrücke in den derzeitigen Mimik-Interpretationstechnologien (noch) nicht enthalten sind. Ob diese neuen Technologien nun gefährlich sind oder nicht, können wir momentan nur bedingt beurteilen. Wer führt, wer passt sich an?

Diese Erfahrungen mit dem Einsatz der Technologien zeigen uns ein Beispiel einer immanenten Normierung. Fehler und Abweichungen sind nicht gestattet, werden sanktioniert. Menschen werden aufgefordert, andere zu bespitzeln, sich zu distanzieren oder sogar mit zu „erziehen“.


Judith, denkst du, dass wir auch als Menschen manchmal den jeweiligen Ausdruck des Gegenübers fehlinterpretieren?


Das Gesicht in digitalen Zeiten – ein Blick in die Zukunft

Wenn wir über die Zukunft reden, denken wir meist an Technologien. Es werden Roboter sein, die uns in der Zukunft begleiten, Maschinen, die uns Aufgaben abnehmen und neue Medien, die unsere Wahrnehmung auf die Welt verändern. Nur selten kommt uns in den Sinn, welche Konstanz wir als Menschen selbst in der Zeit bilden.

Das Gesicht als Projektionsfläche für Zeitgeist und Visionen ist immer auch ein Zeugnis seiner Zeit.

Wagen wir einen Blick in unsere Zukunft, dann lohnt es sich deshalb, die gegenwärtige Wahrnehmung des Gesichts zu untersuchen. Und diese erlebt derzeit einen entscheidenden Umbruch. Erstmals in der Geschichte wird das Gesicht für Maschinen lesbar. Im Zusammenspiel von Kameratechnologien und neuronaler Netze können Informationen zu Gesichtern nicht nur aufgenommen, sondern auch auf verschiedenste Weise technologisch interpretiert werden.

Diese Entwicklung birgt großes Veränderungspotenzial für unser gesellschaftliches Zusammenleben und auch die Art, wie wir miteinander kommunizieren.

Unser künstlerischer Dialog widmet sich den Veränderungen, die uns mit dieser Entwicklung bevorstehen. Dabei stehen wir sowohl fachlich in einem Spannungsfeld als auch bezüglich unserer Lebenserfahrungen. Wir entstammen zwei unterschiedlichen Generationen, die eine Jugend hat vor der Digitalisierung stattgefunden, die andere wurde hauptsächlich davon geprägt. Die eine hat die Anfänge der Digitalisierung durch die Einführung von PCs aktiv mitgeprägt. Die andere findet die Digitalisierung als gegeben vor, sucht Wege der Opposition, stellt in Frage.

Jede hat ihr eigenes Arbeitsmaterial, mit Neugier schauen wir auf den Arbeitsprozess der anderen, manches scheint uns fremd, aus der Zeit gefallen oder zeitgemäß?

So ist Barbaras Material ein Relikt einer vordigitalen Zeit und gleichzeitig wichtiger Zeitzeuge vieler Jahre des öffentlichen Lebens, denn Litfaßsäulen sind seit Jahren nicht mehr im Stadtbild prägend. Judiths Entwurfsarbeit am Computer hingegen hat nur wenig mit der haptischen Auseinandersetzung mit Materialien zu tun. Die Entwürfe werden am Bildschirm erstellt und finden erst nach Fertigstellung ins Material.

Unser künstlerischer Dialog speist sich aus diesen Unterschieden, sucht in unseren unterschiedlichen Weltzugängen nach Widersprüchen und Ungereimtheiten.


Judith, Du bringst den Aspekt der Designforschung ins Gespräch. Kann man sagen, dass der Künstlerische Dialog von uns eine Form von Designforschung ist?

Ein Künstlerischer Dialog

Ankündigung Blog Ein Künstlerischer Dialog von Judith Block und Barbara Otto

Auf Distanz unterhalten….

Mit unserem Blog laden wir euch ein zu einem Einblick in unseren künstlerischen Dialog.

Wir, das sind die Designerin und Designwissenschaftlerin Judith Block und die Künstlerin Barbara Otto. Judith schafft es, die Dimension der Gesichtserkennungstechnologien über Digitale Masken erfahrbar zu machen. Barbara nutzt die über Jahre übereinander geklebten Plakatschichten von Litfaßsäulen, um den verschiedenen digitalen Bildsprachen in einer Art Zeitdokument ein Gesicht zu geben.

Da wir unser künstlerisches Dialogforum „FACE_Off! Das Gesicht in digitalen Zeiten“ im Rahmen des Kulturfestivals Sommerblut nun nicht real im Mai durchführen können, sondern erst im August, laden wir Euch vom 8.Mai und bis zum 24. Mai zu einem täglichen Blog ein.