Hinter der Maske nur Zufall

Judith, was vermittelt uns eine Maskierung?

Masken haftet oft ein fahler Geschmack von Verstellung oder Täuschung an. Meist betrachten wir Masken als einen Versuch, das „echte“ Gesicht hinter der Maske verbergen, um uns zu verstellen oder dem Gegenüber wichtige Informationen von uns zu verheimlichen. Betrachten wir Masken jedoch als eine Form der Symbolebene, dann können wir die Maske in einem völlig neuen Licht betrachten. Nach welchen Stereotypen wir betrachtet werden, hängt von den zufälligen Eigenschaften ab, die mein Gesicht ausmachen.

So ist es Resultat eines Zufalls, ob ich ein rundes oder ein kantiges Kinn habe. Mit den Stereotypen, die auf die Form meines Kinns projiziert werden, muss ich notgedrungen leben, auch wenn sie mit meiner Persönlichkeit und der Art, wie ich erscheinen möchte, oft überhaupt nichts zu tun haben. Wenn ich nun die zufälligen Eigenschaften meines Gesichts mit einer Maske überlagere, dann kann ich gezielt beeinflussen, mit welchen Vorstellungen meine Erscheinung verbunden werden soll. Eine Maskierung wirkt dann wie ein Schutz vor der Beurteilung meiner Persönlichkeit aufgrund meines Erscheinungsbilds.

Wenn ich das Aussehen meines Gesichts künstlich beeinflusse, macht das mein Gesicht nicht weniger „echt“, sondern vor allem weniger zufällig. Masken sind also mitnichten eine Verstellung des echten Gesichts, sondern eine Möglichkeit, die Gestaltung der Symbolebene nicht vollständig dem Gegenüber zu überlassen, sondern aktiv daran mitzuwirken.

Mit einer Maske biete ich nur gezielt die Eigenschaften an, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie der Art, wie ich erscheinen möchte, entsprechen. Masken könnten so das „echte“ Gesicht von mir vielleicht mehr zum Ausdruck bringen, als es mein ungeschminktes Gesicht für mich tut.


Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?


Mimik decodieren

Judith, wie können Maschinen denn Mimik erkennen und verstehen?

Einige unserer mimischen Ausdrücke zeigen sich universell auf die gleiche Weise und sind wahrscheinlich in unserer DNA eingeschrieben. Diese Ausdrücke wurden erstmals von Paul Ekman und Wallace Friesen erforscht und unter dem Begriff „Basisemotionen zusammengefasst“. Dazu gehören Freude, Wut, Trauer, Angst, Ekel, Überraschung und Verachtung. Die Universalität dieser Basisemotionen ist für uns von herausragender Bedeutung, weil es bedeutet, dass wir unabhängig von Kultur, Sprache oder Fremdheit die Gefühle eines Gegenübers erkennen können. Die Basisemotionen geben uns eine grundlegende Orientierung über den emotionalen Kontext einer sozialen Interaktion.

Ekman und sein Forschungsteam entwickelten außerdem eine Systematik für Gesichtsausdrücke, das Facial Action Coding System (FACS). Dieses beinhaltet alle zu den Basisemotionen gehörenden Muskelbewegungen und macht es dementsprechend möglich, Mimik nach einer festen Logik zu decodieren. Das FACS bildet die Grundlage für alle derzeit bestehenden Mimik-Interpretations-Systeme. Diese werten die Bewegungen im Gesicht aus und vergleichen die Abweichungen mimischer Punkte (Mundwinkel, Lippenposition, Augenbrauen, etc.) mit ihrer neutralen Position. Es ist insofern technisch möglich, anhand von Bilddaten eine Aussage zu der emotionalen Grundverfassung einer Person zu treffen.

Allerdings ist Mimik nicht nur universell, sondern zu Teilen auch kulturell ausgeprägt. Zahlreiche Ausdrucksnuancen haben eine kulturelle Konnotation, deren Bedeutung wir nur verstehen können, wenn uns die Kultur bekannt ist. Dazu gehören etwa die Ausdrücke, die du bereits beschrieben hast: Was wird als Flirt wahrgenommen, was als Autorität? Wie zeigen wir Fürsorge oder drücken Ironie aus?
Kulturell geprägte Ausdrücke sind keine festen Einheiten wie die Basisemotionen, sondern entwickeln sich ständig weiter. Sie teilen sich diese Eigenschaft mit der gesprochenen Sprache, die sich ebenfalls ständig verändert und das Zeitgeschehen widerspiegelt.
Diese kulturell geprägten Ausdrücke werden in den derzeitigen Mimik-Interpretationstechnologien nicht berücksichtigt.

Der Umstand, dass unsere Mimik auf ihre universelle Ausprägung reduziert wird, ist problematisch. Werden kulturelle Ausdrücke von technischer Seite nicht anerkannt, kann das dazu führen, dass wir sie langfristig in unserer Ausdrucksweise auslassen werden, da sie keine (technologische) Resonanz erfährt.  


Barbara, was verrät unser Ausdruck über uns, wozu ist er wichtig?


Das Ungreifbare erforschbar machen

Judith, wie verstehst du deinen Forschungsansatz und was hat das mit Gesichtserkennungstechnologien zu tun?

Streetart in den Straßen von Lubljana. Die Vielschichtigkeit des Gesichts wird hier durch doppelte Linienführung hervorgehoben. Die verschiedenen Ebenen Index, Ausdruck und Symbolebene werden übereinandergelegt.
Streetart in den Straßen von Lubljana

Gesichter sind als Forschungsgegenstand gerade wegen ihrer Vielschichtigkeit interessant.
Jedes Gesicht ist einzigartig, ständig in Bewegung und wird von äußeren Einflüssen mitgestaltet. Sonne und Alter hinterlassen darin ihre Spuren, ebenso wie Episoden voller Glück oder Zeiten der Trauer. Wollen wir das Gesicht einer systematischen Betrachtungsweise unterziehen, dann ist das nur möglich, wenn wir das Gesicht aus mehreren, sehr eng gefassten Perspektiven betrachten. Wir können uns diese Perspektiven wie verschiedene Ebenen eines Gesichts vorstellen. Jede Ebene übernimmt eine spezifische Funktion. Alle sind aber immer nur ein kleiner Teil dessen, was das Gesicht ausmacht und jede Ebene hängt mit den anderen Ebenen zusammen.

Für diesen Dialog untersuche ich die folgenden drei Ebenen:

  • Index
  • Ausdruck
  • Symbolebene

Die Indexebene beschreibt die Eigenschaft, anhand des Gesichts ein Individuum zu erkennen. Wir erkennen einander nicht an unseren Händen oder anderen Körperteilen, sondern anhand der einzigartigen Merkmale des Gesichts.

Die Ausdrucksebene des Gesichts beschreibt die Mimik, die unsere Gefühle und Affekte kommuniziert. Jede Bewegung, die auf dem Gesicht durch Muskeln verursacht wird, gehört zu der Ausdrucksebene.

Die Symbolebene beschreibt alle die Eigenschaften, die uns ein Gegenüber aufgrund unseres Aussehens zuschreibt. Sie ist sicherlich die Ebene, über die wir besonders gut streiten können. Einerseits bietet sie eine unverzichtbare Orientierungshilfe in der sozialen Interaktion, gleichzeitig ist sie aber die Grundlage für Vorurteile, visuelle Stereotype und einer Benachteiligung aller Menschen, deren Aussehen nicht festgelegten Normen entspricht. Alle die hier beschriebenen Ebenen des Gesichts sind durch aktuelle Entwicklungen der Gesichtserkennungstechnologien betroffen. Auch deshalb lohnt sich eine spezifische Untersuchung der einzelnen Funktionen des Gesichts – denn Gesichtserkennungstechnologie ist nicht gleich Gesichtserkennungstechnologie. Eine Technologie, die Emotionen auf dem Gesicht ablesen kann, hat nicht zwangsläufig auch die Eigenschaft, die Personen vor der Kamera zu identifizieren.


Barbara, wie ist Dein Blick auf solch eine Systematik?


Der Künstlerische Dialog als Form der Forschung

Judith, Du bringst den Aspekt der Designforschung ins Gespräch. Kann man sagen, dass der Künstlerische Dialog von uns eine Form von Designforschung ist?

Designwissenschaft findet im Dialog zwischen Theorie und Praxis statt.

Denken und Gestalten sind zwei Tätigkeiten, die einander ergänzen. Die Gestaltung greift auf bestehende Konzepte und Modelle zurück, um einen aktiv zu verändern – die dadurch entstandene Veränderung sorgt ihrerseits dafür, dass Gedanken eine Resonanz erfahren. Ein veränderter Kontext macht neue Modelle notwendig. Design und Philosophie sind zwei Weisen, mit der Realität zu interagieren, die jeweils durch Verdichtungen angewiesen sind. Philosophie verdichtet Beobachtungen zu Modellen. Design nutzt Ästhetik, um komplexe Gedankenstrukturen zu einem (materiellen) Ausdruck zu verdichten.

Sich als Designerin mit Gesichtern zu beschäftigen, birgt zahlreiche Herausforderungen. Im Design nutzen wir oft Schemata und Stereotypen, um die Verständlichkeit von Objekten gewährleisten zu können. Diese Schemata sorgen dafür, dass Produkte intuitiv genutzt werden können und wir beispielsweise ohne längere Auseinandersetzung mit einem Produkt wissen, dass es sich zum Beispiel hierbei um eine Türklinke handelt.

Gesichtern mit dieser Haltung zu begegnen, würde ihre Individualität untergraben und Stereotype manifestieren, von denen wir uns eigentlich lieber lösen würden.
Die gestalterische und theoretische Auseinandersetzung mit Gesichtern und ihrem Wert in Zeiten der technologischen Gesichtserkennung kann man als eine Suche nach einem Umgang damit ansehen. Bezeichnend dabei ist, dass ich zwar aktiv darauf achten kann, in der Gestaltung Stereotype nicht zu sehr zu berücksichtigen. Gleichzeitig aber gelingt es mir nicht, mein eigenes Gesicht aus den Werken herauszuhalten. Wenn ich etwas gestalte, gehe ich zu Beginn immer von mir selbst aus.

Das sieht man beispielsweise an diesen Tongesichtern. Selbst wenn ich versuche, Gesichter zu machen, die ein anderes Alter, ein anderes Geschlecht oder andere Züge haben, als ich – irgendwie könnten sie trotzdem Verwandte von mir sein.


Barbara, wie siehst Du Deinen Ansatz, wieviel steckt von Dir und Deiner Sicht auf die Dinge in deinem Werk, in Deinem Arbeitsmaterial? 


Außerdem laden wir euch ein!

10.5.2020, 19:00 Uhr:

Kunstausstellung „FACE_OFF“ – Maske, Schutz oder Vermummung?

Zwei Künstlerinnen im Dialog: Judith Block und Barbara Otto haben sich ein Jahr lang mit dem Vermummungsverbot beschäftigt. Jetzt gibt es eine MaskenPFLICHT. Was tun? Ein offenes Brainstorming wie man die eigene Aversion gegen Schutzmasken humorvoll zum Ausdruck bringen kann.

Den Link zum Live-Stream findet ihr hier.

Um aktiv an der Diskussion teilzunehmen, schicke uns eine eine email an: Judith.block@gmx.de