Der Zauber der Begegnung

Barbara, wenn wir so viel aus dem direkten Kontakt schöpfen, können Gesichtserkennungstechnologien uns diesen Zauber der direkten Begegnung nehmen?

Ich setze auf die Widerstandskraft der Menschen, ihre Suche nach Nähe, die Anziehungskraft des Anderen. Die Individualität und die Vielfalt, das Besondere und die Abweichung von der Norm sorgt evolutionär für den Fortbestand unserer Spezies.

Wenn die Bemalung, die Maskierung, die Schönheit und das Besondere hervorheben kann, unterstreicht sie den Zauber der Begegnung. Sie kann sich auch dem Zeitgeist, dem Altern, sogar dem Tod anpassen. Will der Roboter nicht eigentlich zum Menschen werden, weil ihm etwas fehlt?

Wie wir uns nun veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen werden, scheint mir ungewiss. Die Angst vor der nicht durchschaubaren Technik ist ein schlechter Ratgeber. Transparenz ist angesagt. Die Gesichtserkennungstechnologie ist, banal gesagt, nicht mehr als die Erhebung von Daten. Wir werden also immer gläserner. Wir sind aber nicht immer gleich, deshalb ist die Einschätzung schon begrenzt. Zum Beispiel wurde in San Franzisco diese Technik abgelehnt, der Nutzen wurde als fragwürdig angesehen. Letztendlich kommt es darauf an, aufmerksam und wehrhaft zu sein.

Wir brauchen so etwas wie eine digitale Kulturtechnik, ähnlich dem Schreiben und Lesen, um ein Verständnis für die verschiedenen Technologien zu entwickeln. Vielleicht kommen wir dann zu differenzierten Ansätzen, wie wir mit diesen Technologien leben, jetzt und in Zukunft leben wollen.


Judith, denkst du, es ist nur noch eine Frage der (Entwicklungs-) Zeit, bis es möglich ist, uns mit Technologien vollständig zu durchschauen?


Der Zauber der Maske

Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?

Nehmen wir mal den Kölner Karneval. Ein alter Brauch ermöglicht, in andere Rollen zu schlüpfen. Die Prinzessin, der Clown, der Teufel, Marie-Antoinette, der Mann als Frau, die Frau als Gewichtsheberin. Es ist oft auch ein befreiender Akt. Es erlaubt, etwas zeitlich begrenzt auszuprobieren. Hier kann ich auch eine andere Wahrnehmung des Gegenübers erleben. Dieser geteilte Raum hat einen besonderen Reiz, wie in einer Zauberei, lassen sich bestehenden Normen lösen. Hier liegt die Chance einer neuen Erfahrung, deren Aspekte eventuell nach dem Aschermittwoch mit ins normale Leben genommen werden können. Der CSD hat sicherlich ähnliche Wirkung.

Aktiv „das Selbst gestalten“ ist Ausdruck von Lebenslust. Gleichzeitig schützt die Gruppe diese Experimente, sanktioniert sie sogar positiv. Hier wird also ein Raum geschaffen, in dem freie Entfaltung mit allen Schrägheiten möglich ist. Der Raum ist konkret und gleichzeitig imaginär, fast mystisch.

Das mystische Verbergen oder Schützen des privaten Umfeldes, der Gruppe, der Familie, spielte schon vor den Erkennungstechnologien eine Rolle. Es waren steinerne fratzenartige Gesichter als Schlusssteine ausgeführter Schmuck an Häusern, die das Innere schützen sollten, sogenannte Maskarone.

Zwar können die Maskarone als Symbolgestalten nichts gegen die realen Gefahren der Welt ausrichten, jedoch vermögen sie den Ängsten der Bewohner einen Ausdruck geben. Der Glaube an magische Schutzgestalten ist ein Weg, den Gefahren einer ungewissen Zukunft zu begegnen. Man kann solche Ängste zu verdrängen versuchen, oder ihnen, beispielsweise durch die Darstellung solcher Maskarone einen Ausdruck geben. Die Ängste werden dabei zwar bildhaft angesprochen, aber durch die Materialisierung der Maskarone bekommen sie auch eine Dimensionierung und können nicht übermächtig werden. Ja, ich sehe darin auch eine Mystik, einen gewissen Zauber.


Judith, es gibt noch anderen Formen von „Maskierungen“ beim Menschen. Haben Alltagsmasken z.B. Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercing, auch diesen Zauber, soll er verstärkt werden oder geht der im Alltag verloren?


Joker im Umlauf

Barbara, was drücken Stereotype Deiner Meinung nach aus? Wie können Stereotype auch entstehen?

Die Botschaften die über Stereotypen, über die Symbolebene vermittelt werden, sind nicht unbedingt eindeutig. Menschen benutzen durch Bemalung eine Bildsprache, die vermeintlich von jedem verstanden wird. Ein Beispiel ist die „Joker“-Bemalung mit den typischen Farben. Wir finden sie bei einer kopftuchtragenden Demonstrantin aus dem Libanon. Diese Bildsprache fand sich dann sehr schnell in anderen Medien wieder. Ebenfalls im November 2019 prangte auf dem Titelbild des Monatsmagazin „Stern Viewer“ der britische Brexit-Verfechter Boris Johnson als Joker auf unter dem Titel: “Der Zocker. Warum der Brexit-Premier glücklich ist, wenn er Chaos stiften kann…“.

Interessant dabei ist, dass die Maskierung des Jokers im Film eine Umdeutung erfährt. Der Protagonist begeht seine ersten Morde zwar verkleidet, dies jedoch nur, weil er als Clown arbeitet. Die Maskierung ist also Teil seiner Arbeitsgarderobe und wird von der Öffentlichkeit (u.a. durch die Medien) uminterpretiert. Seine Morde, die Selbstjustiz und Verteidigung sind, werden als politischer Ausdruck gegen die Eliten und die ungleichen Wohlstandsverhältnisse verstanden. Da die Bevölkerung unzufrieden ist und sich ähnlich zurückgesetzt fühlt, nimmt sie diese symbolische Interpretation auf und nutzt sie für ihre Proteste.

Bezeichnend ist, dass dieser symbolische Übertrag auch in der Realität stattfindet. Und dass, obwohl aus dem Film herausgeht, der Joker selbst keine politische Agenda hat. Der symbolische Wert ist also stärker, als die „wahren“ Motive des Protagonisten und findet dementsprechend einen Übertrag in die Realität.

Medien haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Verbreitung und Interpretation von Symbolebenen. Die Bemalung, die Maskierung kann unterschiedlich interpretiert werden.


Judith, Maskierungen, Masken spielen ja sehr mit den Symbolebenen. Was vermittelt uns eine Maskierung?


Undisziplinierte Mimik

Barbara, was verrät unser Ausdruck über uns, wozu ist er wichtig?

Mit Sicherheit gehört Mimik zur Kommunikation zwischen Menschen schon immer dazu, auch wenn uns nicht die ganze Menschheitsgeschichte überliefert ist.

Was bleibt ist, dass wir etwas Erkennbares, ein Lächeln, Tränen, Wutausdruck brauchen… nicht alles lässt sich in Worte fassen.

Dementsprechend suche ich im Gesicht des Gegenübers die Antwort auf meine Fragen, die ich habe oder an sie oder ihn stelle. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander.

Kommunikation ist ein Dialogprozess, der sich im Gesicht widerspiegelt. Die emotionale Haltung wird sichtbar. Auch wenn wir versuchen, sie zu unterdrücken, gibt es immer einen spontanen Einblick in die Person, wahrnehmbar durch die Körpersprache. Die Reaktion des anderen bildet die Antwort.

Wir brauchen also die Resonanz im Gesicht der anderen. Wir können gar nicht ohne Mimik, aber Technologien könnten diese Eigenschaft von uns gegen unsere Interessen verwenden. Dann wären wir gezwungen, gegen unsere Natur zu handeln.

Als Künstlerin suche ich nicht die Norm, sondern das Unerwartete, sehe Herausforderungen als Resonanz, das Ungewisse als Chance, bin offen dem Ergebnis gegenüber. Als sozialer und politischer Mensch gestalte ich die Prozesse aktiv mit. Kunst als Spiegel, als Überhöhung von Wirklichkeit und Entwicklung von Visionen ist existenziell. Sie wird immer über Erwartungen hinweggehen und die Sichtweisen irritieren und aufrütteln.

Wenn ich nun als Mensch diszipliniert werde, wie z.B. durch das Social Credit System Chinas, werde ich mich anpassen. Ich werde versuchen, meine wahren Gefühle zu verstecken.

Es sind durch die globale Digitalisierung neue soziale Prozesse in Gang. Diese spielen sich nicht nur zwischen Menschen ab, sondern zwischen Mensch und Maschine, wobei letztere unsichtbar und schwer einschätzbar ist.

Du weist darauf hin, dass kulturell geprägten Gesichtsausdrücke in den derzeitigen Mimik-Interpretationstechnologien (noch) nicht enthalten sind. Ob diese neuen Technologien nun gefährlich sind oder nicht, können wir momentan nur bedingt beurteilen. Wer führt, wer passt sich an?

Diese Erfahrungen mit dem Einsatz der Technologien zeigen uns ein Beispiel einer immanenten Normierung. Fehler und Abweichungen sind nicht gestattet, werden sanktioniert. Menschen werden aufgefordert, andere zu bespitzeln, sich zu distanzieren oder sogar mit zu „erziehen“.


Judith, denkst du, dass wir auch als Menschen manchmal den jeweiligen Ausdruck des Gegenübers fehlinterpretieren?


Maskierung in der Öffentlichkeit

Barbara, wie ist Dein Blick auf solch eine Systematik?

Sehr wichtig erscheint mir die Unterscheidung, die Du im vorhergehenden Beitrag gemacht hat. Du schreibst: „Eine Technologie, die Emotionen auf dem Gesicht ablesen kann, hat nicht zwangsläufig auch die Eigenschaft, die Personen vor der Kamera zu identifizieren.“

Es geht also nicht nur um biometrische Daten, sondern um die Abbildung des emotionalen Prozesses im Gesicht. Die Einordnung eines Menschen in die Zughörigkeit, Schicht und Ethnie lassen sich vermeintlich an Äußerlichkeiten identifizieren: Kleidung, Haare, Hautfarbe, Körperumfang, Statussymbole.

Gleichzeitig sind wir als Menschen damit beschäftigt, eine Rolle auszufüllen und fragen uns, was wollen wir über unser Gesicht zeigen, was verbergen wir? Was geben wir von uns preis, was ist schützenswert?

Etwas verbindet viele Kulturkreise und Gesellschaften: Mächtige wollen ihre Untergebenen, ihre Bürger, ihre Kunden kontrollieren und steuern. Das führt zu Vermummungsverboten des Gesichtes im öffentlichen Raum und wird sanktioniert. Laut § 27 Versammlungsgesetz NRW darf man in Deutschland im öffentlichen Raum beispielsweise bei Demonstrationen oder im Auto keine Maske tragen.

Ein anderer Aspekt ist die Prägung in und aus den jeweiligen Kulturkreisen, aus denen wir kommen und in denen wir leben. Das Gesicht wahren, ein steinernes Gesicht, ein offenes Gesicht, sind bekannte Metaphern. In manchen Kulturen ist es ein Affront, dem anderen direkt in die Augen zu schauen. Woanders gilt der gesenkte Blick als ein Zeichen der Unterwerfung.

Sein Gesicht zu verdecken, kann entweder dem Schutz der eigenen Person dienen oder eine Verweigerung der Identifizierbarkeit bedeuten.

Eine Gesichtsbedeckung wird auch zum Schutz des Gesichtes bei der Arbeit mit gefährlichen Substanzen oder aus religiösen Gründen genutzt. Vermummung nennt man es bei Demonstrationen oder Straftaten, daher bestehen Vermummungsverbote.

Nun herrscht in Corona-Zeiten plötzlich eine Maskenpflicht.
Wie erkenne ich mein Gegenüber? Wie gehe ich auf ihn oder sie zu?

Das Virus verurteilt uns auf jeden Fall, Abstand zueinander zu halten. Das ist für uns als soziale Wesen schwierig. Ein Händedruck, eine Umarmung, ein Näherkommen sind uns wichtig.


Judith, was bedeuten nun die Gesichtserkennungstechnologien?


Vielschichtigkeit als Arbeitsmaterial

Barbara, wie siehst Du Deinen Ansatz, wieviel steckt von Dir und Deine Sicht auf die Dinge in deinem Werk, in Deinem Arbeitsmaterial? 

Ich nutze verschiedenes Material, in dem Geschichte steckt: Altglas, Altkleider oder eben die „Schwarten“ von Litfaßsäulen. Es passt zu „meiner Sicht auf die Dinge“.

Als Künstlerin bin ich forschend und gestaltend unterwegs. Im Grunde bin ich immer auf Entdeckungsreise. Meine künstlerischen Werkreihen reflektieren den jeweiligen Zeitgeist, die Objekte entstehen aus dem Material vergangener Zeitdokumente (den Plakaten) und halten einen Abschnitt, eine Abbildung der Geschichte fest.

Das Material der Litfaßsäule, die über Jahrzehnte übereinander geklebte Schichten von Werbe-Plakaten, faszinierten mich schon lange, spiegeln sie doch sowohl die Vielschichtigkeit des Lebens als auch die Wahrnehmungsebenen der Menschen wider. Oberflächlich wird eine Botschaft transportiert, doch was liegt darunter?

Den künstlerischen Prozess kann man über die verschiedenen Werkreihen verfolgen. Im jetzigen Werk zu unseren Gesichtern in digitalen Zeiten nehme ich die Schichten auseinander, nutze die Plakate als Material für die Gesichts-Kollagen. Die Schwarte bleibt als Träger darunter, aber ich gebe ganz bewusst eine neue Gestalt hinzu.

Gerade jetzt, wo eine fühlbare und erlebbare Bedrohung durch eine lebensfeindliche Epidemie rund um die Welt läuft und keinen auslässt, wird die Vielschichtigkeit des Lebens, die Zufälligkeit der Lebensorte, die unterschiedlichen Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsmuster auffällig.

Die Inspiration kommt demnach durch Themen, die mir durch Gesellschaftspolitik entgegenspringen, die ich auch gedanklich auslote, ich recherchiere und lese viel zu den verschiedenen Aspekten. Das Material bringt noch eine zusätzliche Ebene herein und schafft somit die künstlerische Transformation.


Judith, wie verstehst Du Deinen Forschungsansatz und was hat das mit  Gesichtserkennungstechnologien zu?


Neugierig geworden, wie man so Skulpturen erstellt?

11.5.2020, 19:00 Uhr:

„Sculpture in Progress“ – Mit Kettensäge und Teppichleim

Die Künstlerin Barbara Otto benutzt die über Jahre auf Litfaßsäulen übereinander geklebten Schichten von Werbeplakaten. In einer Art Zeitdokumentation fertigt sie daraus Skulpturen von Gesichtern. Per Video schalten wir live in ihr Atelier und bekommen Einblick in einen kreativen Findungsprozess.

Den Link zu der Veranstaltung findet ihr hier.

Ein Künstlerischer Dialog

Ankündigung Blog Ein Künstlerischer Dialog von Judith Block und Barbara Otto

Auf Distanz unterhalten….

Mit unserem Blog laden wir euch ein zu einem Einblick in unseren künstlerischen Dialog.

Wir, das sind die Designerin und Designwissenschaftlerin Judith Block und die Künstlerin Barbara Otto. Judith schafft es, die Dimension der Gesichtserkennungstechnologien über Digitale Masken erfahrbar zu machen. Barbara nutzt die über Jahre übereinander geklebten Plakatschichten von Litfaßsäulen, um den verschiedenen digitalen Bildsprachen in einer Art Zeitdokument ein Gesicht zu geben.

Da wir unser künstlerisches Dialogforum „FACE_Off! Das Gesicht in digitalen Zeiten“ im Rahmen des Kulturfestivals Sommerblut nun nicht real im Mai durchführen können, sondern erst im August, laden wir Euch vom 8.Mai und bis zum 24. Mai zu einem täglichen Blog ein.