Fragile Masken des Alltags

Judith, haben Alltagsmasken – Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercings – auch diesen Zauber oder geht der im Alltag verloren?

Generell neigen wir dazu, rituelle Masken oder Karnevalsverkleidung und Alltagsmasken getrennt voneinander zu betrachten. Masken im herkömmlichen Sinne haben die Eigenschaft, unsere Mimik und die Indexfunktion des Gesichts mit zu verdecken und zeigen sich in einem manifesten Ausdruck.
Alltagsmasken hingegen beeinflussen unser Aussehen nur, überlagern es nicht vollständig. Beiden Masken ist jedoch gemein, dass sie zeitlich stark eingeschränkt sind. Karnevalsmasken nehmen wir ab, Schminke verläuft, Bartfrisuren wachsen heraus und Botox verliert seine Wirkung. Die Vergänglichkeit jeder Maskierung macht einen Teil ihres Zaubers aus. Selbst wenn wir versuchen, unsere Erscheinung dauerhaft zu kontrollieren, so gestaltet die Zeit das Gesicht immer mit und fügt unserem Erscheinungsbild es etwas Zufälliges hinzu.

Eine Maskierung ist also an den Jetzt–Zustand des Gesichts gebunden und funktioniert ausschließlich im Augenblick des Angesichts wirklich gut.

Wenn wir einer Person ins Gesicht blicken, ist das Bild, was wir von ihr bekommen, einzigartig und nur für uns sichtbar. Die Maske wirkt nur in diesem gemeinsamen Moment.

Alltagsmasken haben nicht weniger Zauber, sie sind im Gegenteil sogar fragiler und kommunizieren subtiler mit den Mitmenschen. Zwischen einzelnen subtilen Hinweisen, wie eine Person gesehen werden möchte, sind lauter Leerstellen, die darauf hindeuten, wie viele Seiten einer Person wir in dem Augenblick des Angesichts nicht sehen können.


Barbara, wenn wir so viel aus dem direkten Kontakt schöpfen, können Gesichtserkennungstechnologien uns diesen Zauber der direkten Begegnung nehmen?


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