Ein Raum für die Magie der Begegnung

Judith: Ein ausgewogenes und freies Verhältnis zu Gesichtserkennungstechnologien kann nur dann entstehen, wenn wir dem Augenblick des Angesichts zukünftig mehr Beachtung schenken. In dem Augenblick des Angesichts zeichnen wir Menschen gemeinschaftlich zwei Erscheinungsbilder. Diese Bilder geben uns eine Ahnung davon, wie wir als Interaktionspartner zueinanderstehen.

Die Magie dieses Augenblicks ist in dieser Ahnung mitenthalten: Wir ahnen bloß und wissen, wie viele Seiten des Gegenübers uns hinter seiner Erscheinung verborgen bleiben. Es braucht diese Mischung von Nähe und der Gewissheit des Unsichtbaren für den Zauber, der im Augenblick des Angesichts entsteht.

Barbara: Wir brauchen die Resonanz des Anderen, um eine Ahnung von ihr oder ihm zu bekommen. Die Erfahrung miteinander führt zu Vertrauen, erschließt einen Raum. In diesem geschützten Raum besteht die Möglichkeit von Abweichungen von der Norm und die Erlaubnis von Fehlern.

Hier entstehen auch die Wünsche und das Denken des Undenkbaren. Dort, wo Klarheiten verschwinden und wir mehr Fragen als Erkenntnisse gewinnen, können wir womöglich besonders viel Schönheit entdecken.

Einen solchen Raum wollen wir mit unserer Ausstellung „FACE_OFF!“ vom 13. – 22. August 2020 im bunker k101 in Köln, öffnen.

Unsere Ausstellung lebt nicht nur von den Masken, die darin gezeigt werden, sondern vor allem von euren Gesichtern, die den Ort lebendig machen. Also kommt und bringt eure Gedanken mit!


Mehr als Modelle

Judith, denkst du, es ist nur noch eine Frage der (Entwicklungs-) Zeit, bis es möglich ist, uns mit Technologien vollständig zu durchschauen?

Technologien basieren immer auf Modellen, die wir uns von der Wirklichkeit machen. Und sie funktionieren ausschließlich dann, wenn der Kontext, in dem sie arbeiten, den Modellen hinreichend entspricht.

Um der Angst vor abstrakten Bedrohungen einen Ausdruck zu geben, braucht es eine Maske. Das eigene Gesicht lässt sich nicht genügend aufladen.

Sehr deutlich sieht man diesen Zusammenhang bei Robotern, die darauf programmiert sind, zu laufen und bei leichtesten Unebenheiten spektakulär ungebremst fallen.
Der Zusammenhang zwischen Modellen der Realität und der tatsächlichen Arbeitsumgebung von Maschinen gilt auch für Gesichtserkennungstechnologien. Sie funktionieren nur dann, wenn unsere Gesichter genügend den Modellen entsprechen, auf denen die Technologie basiert.

Werden einzelne Aspekte des Gesichts bei der Entwicklung der Technologie nicht berücksichtigt, fallen notgedrungen einige Individuen durch das Schema. Das passiert sowohl bei der Indexfunktion, wenn etwa Algorithmen nicht auf verschiedene Hautfarben trainiert werden und dann Personen mit dunkler Hautfarbe nicht als Menschen erkennen. Das Gleiche passiert auch bei der Mimik-Interpretation, wenn nur die Modelle der universellen Ausdrücke verarbeitet werden, kulturelle Ausdrücke jedoch nicht.

Problematisch werden Technologien jedoch auch dann, wenn die Modelle, auf denen eine Technologie basiert, grundsätzlich nicht korrekt sind. Die Forscher Xiaolin Wu und Xi Zhang von der Shanghai Jiao Tong University entwickelten 2016 eine Künstliche Intelligenz, der es vermeintlich gelingt, anhand von äußeren Merkmalen des Gesichts darauf zu schließen, ob eine Person kriminell ist oder nicht. Ein Blick in die dazugehörige Publikation zeigt jedoch offensichtliche wissenschaftliche und logische Fehler auf. Doch ob wissenschaftlich unzulänglich oder nicht – die KI liefert Ergebnisse. Werden solche Entwicklungen in einen gesellschaftlichen Kontext gebracht, dann urteilt ein falsches Modell über die Biografie von Menschen.

In solchen Fällen besteht die Problematik darin, dass die Modelle immer eine Reduktion der Realität vornehmen.


Die Frage ist nicht, ob wir durchschaut werden, sondern was passiert, wenn wir uns selbst Modellen unterwerfen und wir uns zwangläufig reduzieren?


Der Zauber der Begegnung

Barbara, wenn wir so viel aus dem direkten Kontakt schöpfen, können Gesichtserkennungstechnologien uns diesen Zauber der direkten Begegnung nehmen?

Ich setze auf die Widerstandskraft der Menschen, ihre Suche nach Nähe, die Anziehungskraft des Anderen. Die Individualität und die Vielfalt, das Besondere und die Abweichung von der Norm sorgt evolutionär für den Fortbestand unserer Spezies.

Wenn die Bemalung, die Maskierung, die Schönheit und das Besondere hervorheben kann, unterstreicht sie den Zauber der Begegnung. Sie kann sich auch dem Zeitgeist, dem Altern, sogar dem Tod anpassen. Will der Roboter nicht eigentlich zum Menschen werden, weil ihm etwas fehlt?

Wie wir uns nun veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen werden, scheint mir ungewiss. Die Angst vor der nicht durchschaubaren Technik ist ein schlechter Ratgeber. Transparenz ist angesagt. Die Gesichtserkennungstechnologie ist, banal gesagt, nicht mehr als die Erhebung von Daten. Wir werden also immer gläserner. Wir sind aber nicht immer gleich, deshalb ist die Einschätzung schon begrenzt. Zum Beispiel wurde in San Franzisco diese Technik abgelehnt, der Nutzen wurde als fragwürdig angesehen. Letztendlich kommt es darauf an, aufmerksam und wehrhaft zu sein.

Wir brauchen so etwas wie eine digitale Kulturtechnik, ähnlich dem Schreiben und Lesen, um ein Verständnis für die verschiedenen Technologien zu entwickeln. Vielleicht kommen wir dann zu differenzierten Ansätzen, wie wir mit diesen Technologien leben, jetzt und in Zukunft leben wollen.


Judith, denkst du, es ist nur noch eine Frage der (Entwicklungs-) Zeit, bis es möglich ist, uns mit Technologien vollständig zu durchschauen?


Fragile Masken des Alltags

Judith, haben Alltagsmasken – Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercings – auch diesen Zauber oder geht der im Alltag verloren?

Generell neigen wir dazu, rituelle Masken oder Karnevalsverkleidung und Alltagsmasken getrennt voneinander zu betrachten. Masken im herkömmlichen Sinne haben die Eigenschaft, unsere Mimik und die Indexfunktion des Gesichts mit zu verdecken und zeigen sich in einem manifesten Ausdruck.
Alltagsmasken hingegen beeinflussen unser Aussehen nur, überlagern es nicht vollständig. Beiden Masken ist jedoch gemein, dass sie zeitlich stark eingeschränkt sind. Karnevalsmasken nehmen wir ab, Schminke verläuft, Bartfrisuren wachsen heraus und Botox verliert seine Wirkung. Die Vergänglichkeit jeder Maskierung macht einen Teil ihres Zaubers aus. Selbst wenn wir versuchen, unsere Erscheinung dauerhaft zu kontrollieren, so gestaltet die Zeit das Gesicht immer mit und fügt unserem Erscheinungsbild es etwas Zufälliges hinzu.

Eine Maskierung ist also an den Jetzt–Zustand des Gesichts gebunden und funktioniert ausschließlich im Augenblick des Angesichts wirklich gut.

Wenn wir einer Person ins Gesicht blicken, ist das Bild, was wir von ihr bekommen, einzigartig und nur für uns sichtbar. Die Maske wirkt nur in diesem gemeinsamen Moment.

Alltagsmasken haben nicht weniger Zauber, sie sind im Gegenteil sogar fragiler und kommunizieren subtiler mit den Mitmenschen. Zwischen einzelnen subtilen Hinweisen, wie eine Person gesehen werden möchte, sind lauter Leerstellen, die darauf hindeuten, wie viele Seiten einer Person wir in dem Augenblick des Angesichts nicht sehen können.


Barbara, wenn wir so viel aus dem direkten Kontakt schöpfen, können Gesichtserkennungstechnologien uns diesen Zauber der direkten Begegnung nehmen?


Der Zauber der Maske

Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?

Nehmen wir mal den Kölner Karneval. Ein alter Brauch ermöglicht, in andere Rollen zu schlüpfen. Die Prinzessin, der Clown, der Teufel, Marie-Antoinette, der Mann als Frau, die Frau als Gewichtsheberin. Es ist oft auch ein befreiender Akt. Es erlaubt, etwas zeitlich begrenzt auszuprobieren. Hier kann ich auch eine andere Wahrnehmung des Gegenübers erleben. Dieser geteilte Raum hat einen besonderen Reiz, wie in einer Zauberei, lassen sich bestehenden Normen lösen. Hier liegt die Chance einer neuen Erfahrung, deren Aspekte eventuell nach dem Aschermittwoch mit ins normale Leben genommen werden können. Der CSD hat sicherlich ähnliche Wirkung.

Aktiv „das Selbst gestalten“ ist Ausdruck von Lebenslust. Gleichzeitig schützt die Gruppe diese Experimente, sanktioniert sie sogar positiv. Hier wird also ein Raum geschaffen, in dem freie Entfaltung mit allen Schrägheiten möglich ist. Der Raum ist konkret und gleichzeitig imaginär, fast mystisch.

Das mystische Verbergen oder Schützen des privaten Umfeldes, der Gruppe, der Familie, spielte schon vor den Erkennungstechnologien eine Rolle. Es waren steinerne fratzenartige Gesichter als Schlusssteine ausgeführter Schmuck an Häusern, die das Innere schützen sollten, sogenannte Maskarone.

Zwar können die Maskarone als Symbolgestalten nichts gegen die realen Gefahren der Welt ausrichten, jedoch vermögen sie den Ängsten der Bewohner einen Ausdruck geben. Der Glaube an magische Schutzgestalten ist ein Weg, den Gefahren einer ungewissen Zukunft zu begegnen. Man kann solche Ängste zu verdrängen versuchen, oder ihnen, beispielsweise durch die Darstellung solcher Maskarone einen Ausdruck geben. Die Ängste werden dabei zwar bildhaft angesprochen, aber durch die Materialisierung der Maskarone bekommen sie auch eine Dimensionierung und können nicht übermächtig werden. Ja, ich sehe darin auch eine Mystik, einen gewissen Zauber.


Judith, es gibt noch anderen Formen von „Maskierungen“ beim Menschen. Haben Alltagsmasken z.B. Schminke, Verstellung, Schönheitschirurgie, Accessoires wie Brillen oder Piercing, auch diesen Zauber, soll er verstärkt werden oder geht der im Alltag verloren?


Hinter der Maske nur Zufall

Judith, was vermittelt uns eine Maskierung?

Masken haftet oft ein fahler Geschmack von Verstellung oder Täuschung an. Meist betrachten wir Masken als einen Versuch, das „echte“ Gesicht hinter der Maske verbergen, um uns zu verstellen oder dem Gegenüber wichtige Informationen von uns zu verheimlichen. Betrachten wir Masken jedoch als eine Form der Symbolebene, dann können wir die Maske in einem völlig neuen Licht betrachten. Nach welchen Stereotypen wir betrachtet werden, hängt von den zufälligen Eigenschaften ab, die mein Gesicht ausmachen.

So ist es Resultat eines Zufalls, ob ich ein rundes oder ein kantiges Kinn habe. Mit den Stereotypen, die auf die Form meines Kinns projiziert werden, muss ich notgedrungen leben, auch wenn sie mit meiner Persönlichkeit und der Art, wie ich erscheinen möchte, oft überhaupt nichts zu tun haben. Wenn ich nun die zufälligen Eigenschaften meines Gesichts mit einer Maske überlagere, dann kann ich gezielt beeinflussen, mit welchen Vorstellungen meine Erscheinung verbunden werden soll. Eine Maskierung wirkt dann wie ein Schutz vor der Beurteilung meiner Persönlichkeit aufgrund meines Erscheinungsbilds.

Wenn ich das Aussehen meines Gesichts künstlich beeinflusse, macht das mein Gesicht nicht weniger „echt“, sondern vor allem weniger zufällig. Masken sind also mitnichten eine Verstellung des echten Gesichts, sondern eine Möglichkeit, die Gestaltung der Symbolebene nicht vollständig dem Gegenüber zu überlassen, sondern aktiv daran mitzuwirken.

Mit einer Maske biete ich nur gezielt die Eigenschaften an, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie der Art, wie ich erscheinen möchte, entsprechen. Masken könnten so das „echte“ Gesicht von mir vielleicht mehr zum Ausdruck bringen, als es mein ungeschminktes Gesicht für mich tut.


Barbara, ist das Verbergen des echten Gesichts immer unehrlich? Kann man Maskierung auch positiv betrachten? Liegt darin nicht auch ein besonderer Zauber?


Joker im Umlauf

Barbara, was drücken Stereotype Deiner Meinung nach aus? Wie können Stereotype auch entstehen?

Die Botschaften die über Stereotypen, über die Symbolebene vermittelt werden, sind nicht unbedingt eindeutig. Menschen benutzen durch Bemalung eine Bildsprache, die vermeintlich von jedem verstanden wird. Ein Beispiel ist die „Joker“-Bemalung mit den typischen Farben. Wir finden sie bei einer kopftuchtragenden Demonstrantin aus dem Libanon. Diese Bildsprache fand sich dann sehr schnell in anderen Medien wieder. Ebenfalls im November 2019 prangte auf dem Titelbild des Monatsmagazin „Stern Viewer“ der britische Brexit-Verfechter Boris Johnson als Joker auf unter dem Titel: “Der Zocker. Warum der Brexit-Premier glücklich ist, wenn er Chaos stiften kann…“.

Interessant dabei ist, dass die Maskierung des Jokers im Film eine Umdeutung erfährt. Der Protagonist begeht seine ersten Morde zwar verkleidet, dies jedoch nur, weil er als Clown arbeitet. Die Maskierung ist also Teil seiner Arbeitsgarderobe und wird von der Öffentlichkeit (u.a. durch die Medien) uminterpretiert. Seine Morde, die Selbstjustiz und Verteidigung sind, werden als politischer Ausdruck gegen die Eliten und die ungleichen Wohlstandsverhältnisse verstanden. Da die Bevölkerung unzufrieden ist und sich ähnlich zurückgesetzt fühlt, nimmt sie diese symbolische Interpretation auf und nutzt sie für ihre Proteste.

Bezeichnend ist, dass dieser symbolische Übertrag auch in der Realität stattfindet. Und dass, obwohl aus dem Film herausgeht, der Joker selbst keine politische Agenda hat. Der symbolische Wert ist also stärker, als die „wahren“ Motive des Protagonisten und findet dementsprechend einen Übertrag in die Realität.

Medien haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Verbreitung und Interpretation von Symbolebenen. Die Bemalung, die Maskierung kann unterschiedlich interpretiert werden.


Judith, Maskierungen, Masken spielen ja sehr mit den Symbolebenen. Was vermittelt uns eine Maskierung?


Zufällig ein Bild von Dir machen

Judith, denkst du, dass wir auch als Menschen manchmal den jeweiligen Ausdruck des Gegenübers fehlinterpretieren?

Frau mit Holzmaske

Sicherlich tun wir das nicht nur manchmal, sondern ständig. Grund dafür ist die Symbolebene des Gesichts. Diese Ebene ist sicherlich die seltsamste und gleichzeitig zauberhafteste der Ebenen, die wir hier betrachten. Wir können uns die Symbolebene des Gesichts wie eine Projektionsfläche vorstellen, die dem Gegenüber zwar einige Anhaltspunkte zur Person liefert, vor allem aber viele Andockstellen an denen man allerlei Ideen, Urteile und Vorurteile anheften kann.

Animation von Judith Block, Zwei Wesen machen sich ein Bild voneinander

Wenn wir sagen, dass wir uns „ein eigenes Bild“ von einer Person machen wollen, dann sagt das einiges über die Symbolebene des Gesichts aus. Das Bild, das wir uns von einer Person machen, ist nämlich tatsächlich von uns als Betrachter mit erstellt.
Ein Gesicht besteht immer aus einer Reihe an zufälligen Eigenschaften, die durch die Ausprägung unserer Gene entschieden werden. Diese Eigenschaften sind tatsächlich genau das – zufällig.

Im Laufe unseres Lebens wird unser Gesicht aber auch von den Dingen, die wir erfahren, mitgestaltet. So hinterlässt die Zeit allerhand Spuren in unserem Gesicht, ebenso wie die Sonne, die Pubertät, Krankheiten oder Verletzungen. Freude hinterlässt Lachfalten im Gesicht und emotional auszehrende Episoden Sorgenfalten.
Wenn wir ein Gesicht betrachten, dann ist die Symbolebene ein Versuch, die Spuren, die das Leben dort hinterlassen hat, richtig zu deuten. Dazu addieren wir meist eine bunte Mischung an Erfahrungen, die wir mit der Person bereits gemacht haben, dem Kontext, in dem wir ihr begegnen, Generalisierungen, Vorurteilen und visuellen Stereotypen. Wissenslücken werden hierbei großzügig mit Vorstellungen aufgefüllt.

Die Symbolebene bietet uns eine Möglichkeit, uns in sozialen Interaktionen zu orientieren und bestimmt maßgeblich, wie wir einer Person gegenübertreten. Ohne sie würden wir jeden Mitmenschen wie einen Fremden behandeln.

Gleichzeitig ist die Symbolebene immer auch an das Jetzt gebunden. Sie entsteht in dem Moment, in dem sich zwei Personen persönlich begegnen, einem Augenblick des Angesichts. Man kann sich den Augenblick des Angesichts so vorstellen: Zwei Menschen stehen sich gegenüber und tragen jeweils eine halbtransparente Maske, die sie nicht selbst erstellt haben, sondern die ihnen das Gegenüber aufgesetzt hat. Im Augenblick des Angesichts schauen wir also auf eine halbverschleierte Version des Gesichts unseres Gegenübers. Und diese Verschleierung haben wir selbst erschaffen.

Die Symbolebene bietet uns eine trügerische Gelegenheit, dort allerlei stereotype Vorstellungen drauf zu projizieren, die unser Gegenüber unberechtigt belastet. Wir sollten uns immer klarmachen, dass die Symbolebene mehr über uns als Ersteller der halbtransparenten Maske aussagt, als über die Person, der wir sie aufsetzen.


Barbara, was hältst du davon? Was drücken Stereotype deiner Meinung nach aus? Wie können Stereotypen auch entstehen?


Undisziplinierte Mimik

Barbara, was verrät unser Ausdruck über uns, wozu ist er wichtig?

Mit Sicherheit gehört Mimik zur Kommunikation zwischen Menschen schon immer dazu, auch wenn uns nicht die ganze Menschheitsgeschichte überliefert ist.

Was bleibt ist, dass wir etwas Erkennbares, ein Lächeln, Tränen, Wutausdruck brauchen… nicht alles lässt sich in Worte fassen.

Dementsprechend suche ich im Gesicht des Gegenübers die Antwort auf meine Fragen, die ich habe oder an sie oder ihn stelle. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen einander.

Kommunikation ist ein Dialogprozess, der sich im Gesicht widerspiegelt. Die emotionale Haltung wird sichtbar. Auch wenn wir versuchen, sie zu unterdrücken, gibt es immer einen spontanen Einblick in die Person, wahrnehmbar durch die Körpersprache. Die Reaktion des anderen bildet die Antwort.

Wir brauchen also die Resonanz im Gesicht der anderen. Wir können gar nicht ohne Mimik, aber Technologien könnten diese Eigenschaft von uns gegen unsere Interessen verwenden. Dann wären wir gezwungen, gegen unsere Natur zu handeln.

Als Künstlerin suche ich nicht die Norm, sondern das Unerwartete, sehe Herausforderungen als Resonanz, das Ungewisse als Chance, bin offen dem Ergebnis gegenüber. Als sozialer und politischer Mensch gestalte ich die Prozesse aktiv mit. Kunst als Spiegel, als Überhöhung von Wirklichkeit und Entwicklung von Visionen ist existenziell. Sie wird immer über Erwartungen hinweggehen und die Sichtweisen irritieren und aufrütteln.

Wenn ich nun als Mensch diszipliniert werde, wie z.B. durch das Social Credit System Chinas, werde ich mich anpassen. Ich werde versuchen, meine wahren Gefühle zu verstecken.

Es sind durch die globale Digitalisierung neue soziale Prozesse in Gang. Diese spielen sich nicht nur zwischen Menschen ab, sondern zwischen Mensch und Maschine, wobei letztere unsichtbar und schwer einschätzbar ist.

Du weist darauf hin, dass kulturell geprägten Gesichtsausdrücke in den derzeitigen Mimik-Interpretationstechnologien (noch) nicht enthalten sind. Ob diese neuen Technologien nun gefährlich sind oder nicht, können wir momentan nur bedingt beurteilen. Wer führt, wer passt sich an?

Diese Erfahrungen mit dem Einsatz der Technologien zeigen uns ein Beispiel einer immanenten Normierung. Fehler und Abweichungen sind nicht gestattet, werden sanktioniert. Menschen werden aufgefordert, andere zu bespitzeln, sich zu distanzieren oder sogar mit zu „erziehen“.


Judith, denkst du, dass wir auch als Menschen manchmal den jeweiligen Ausdruck des Gegenübers fehlinterpretieren?


Mimik decodieren

Judith, wie können Maschinen denn Mimik erkennen und verstehen?

Einige unserer mimischen Ausdrücke zeigen sich universell auf die gleiche Weise und sind wahrscheinlich in unserer DNA eingeschrieben. Diese Ausdrücke wurden erstmals von Paul Ekman und Wallace Friesen erforscht und unter dem Begriff „Basisemotionen zusammengefasst“. Dazu gehören Freude, Wut, Trauer, Angst, Ekel, Überraschung und Verachtung. Die Universalität dieser Basisemotionen ist für uns von herausragender Bedeutung, weil es bedeutet, dass wir unabhängig von Kultur, Sprache oder Fremdheit die Gefühle eines Gegenübers erkennen können. Die Basisemotionen geben uns eine grundlegende Orientierung über den emotionalen Kontext einer sozialen Interaktion.

Ekman und sein Forschungsteam entwickelten außerdem eine Systematik für Gesichtsausdrücke, das Facial Action Coding System (FACS). Dieses beinhaltet alle zu den Basisemotionen gehörenden Muskelbewegungen und macht es dementsprechend möglich, Mimik nach einer festen Logik zu decodieren. Das FACS bildet die Grundlage für alle derzeit bestehenden Mimik-Interpretations-Systeme. Diese werten die Bewegungen im Gesicht aus und vergleichen die Abweichungen mimischer Punkte (Mundwinkel, Lippenposition, Augenbrauen, etc.) mit ihrer neutralen Position. Es ist insofern technisch möglich, anhand von Bilddaten eine Aussage zu der emotionalen Grundverfassung einer Person zu treffen.

Allerdings ist Mimik nicht nur universell, sondern zu Teilen auch kulturell ausgeprägt. Zahlreiche Ausdrucksnuancen haben eine kulturelle Konnotation, deren Bedeutung wir nur verstehen können, wenn uns die Kultur bekannt ist. Dazu gehören etwa die Ausdrücke, die du bereits beschrieben hast: Was wird als Flirt wahrgenommen, was als Autorität? Wie zeigen wir Fürsorge oder drücken Ironie aus?
Kulturell geprägte Ausdrücke sind keine festen Einheiten wie die Basisemotionen, sondern entwickeln sich ständig weiter. Sie teilen sich diese Eigenschaft mit der gesprochenen Sprache, die sich ebenfalls ständig verändert und das Zeitgeschehen widerspiegelt.
Diese kulturell geprägten Ausdrücke werden in den derzeitigen Mimik-Interpretationstechnologien nicht berücksichtigt.

Der Umstand, dass unsere Mimik auf ihre universelle Ausprägung reduziert wird, ist problematisch. Werden kulturelle Ausdrücke von technischer Seite nicht anerkannt, kann das dazu führen, dass wir sie langfristig in unserer Ausdrucksweise auslassen werden, da sie keine (technologische) Resonanz erfährt.  


Barbara, was verrät unser Ausdruck über uns, wozu ist er wichtig?